Mittwoch
Beim Verlassen meiner Wohnung habe ich wieder einmal einen meiner zwangsneurotischen Anfälle – möglicherweise handelt es sich aber auch nur um hundskommune Dumpfheit – auf alle Fälle muss ich noch einmal zurück, um nachzuschauen, ob ich den Kochherd abgestellt habe.
„Nägeli will wieder sprayen“, steht in der Zeitung getitelt. Dies will mir als typische Sommerloch-Nachricht erscheinen, aber dann findet der Herr mir gegenüber, es herbstele bereits.
Ein Schnauzbart, der wie der ältere Bruder von Hanspeter Müller-Drossaart aussieht, kaut Gummi und hat eine Chrott im Hals. Von Zürich bis Landquart ist ein Japaner von seinem Handy dermassen hypnotisiert, dass er die vorbeiziehende Landschaft keines Blickes würdigt, was mich als Einheimischen irgendwie beleidigt. Da er nicht da ist, wo er ist, kann er auch nicht wissen, wo er ist, als der Zug in Landquart ankommt, und verpasst es beinahe auszusteigen.
Soldat Goldberger liest Robert Ludlum, Gefreiter Enz lässt sich fernmündlich über Refinanzierung und Additional Cashflow aus und in Valendas Sagogn merkt Frau Kübli, dass sie die Sonnenbrille im Zug nach Chur hat liegen lassen.
Ich frage mich, ob der Japaner auch durch die Ruinalta nicht von seinem Handy aufgesehen hätte.
Bei der Fahrt durch das wilde Kurvistan nach Vals wird es mir ein wenig gröpelig. Das Posti hat auf der engen Bergstrasse Mühe am <Valser Wasser> vorbeizukommen.
Vals lebe von Stein, Wasser und dem Tourismus, vermeldet der Fahrer. Und ein paar Bauern habe es auch noch.
Angekommen lasse ich mir als erstes die Haare schneiden. Saba heisst mit vollem Namen Sabahate und stammt aus dem Kosovo. Aufgewachsen ist sie in Oberösterreich. Mit einem Schauspieler unter der Schere ist es unvermeidlich, dass man auf das Showbusiness zu reden kommt. Saba hat allerdings keinen Fernseher. Sie meditiere stattdessen. Das tue sie seit ihrer Kindheit. Sie zünde Räucherstäbchen an, setze sich hin und spüre sich. In Büchern habe sie nachgelesen, was sie da praktiziere.
Saba fliegt nächstens für drei Monate nach Indien und will sich dabei auf den Staat Orissa beschränken. In einer schön geschnitzten Holzkassette sammelt sie Spenden für arme Leute.
Sie fragt mich, was sie über Schauspieler schon immer wissen wollte, nämlich, ob Verheiratete in Filmen auch küssen müssten. Ich sage, natürlich müssten sie das. Das Engagement dabei könne aber mehr oder weniger intensiv sein.
Als ich über mein fortgeschrittenes Alter jammere, sagt sie, das mache nichts. Die Seele altere nicht. Sie sei ausserhalb der Zeit.
Ordentlich frisiert schaue ich mich im Dorf um. Ein alter Mann trägt im Chesseli Milch von der Sennerei nach Hause. Das erinnert mich an meine Jugend in den Fünfziger-Jahren des letzten Jahrhunderts in Flums.
In der Kirche beeindrucken mich die Beichtkabinen. Es ist, als würde man in einen Schrank eintreten. Es gibt ein Beichtzimmer ohne Trennwand und einen Beichstuhl mit Trennwand zwischen Priester und Sünder. Auch das erinnert mich an meine Jugend, vor allem an das sechste Gebot. Was hat mich das immer gestresst, dem Beichtiger runterzuleiern: “Sechstens, unkeusch: Ich habe in Gedanken, Worten und Werken unkeusch äh... gehandelt.” In dem aufliegenden Beichtspiegel lese ich, dass auch das gedankenlose Mitmachen schamloser Bade- und Tanzunsitten, sowie ungenügende, aufreizende oder zu enge Kleidung gegen das Gebot der Keuschheit verstossen.
In meinem Zimmer stelle ich mit Schrecknis fest, dass es keinen Fernseher hat. Heute abend aber findet das Champions-League-Qualifikationsspiel FC Basel gegen Vitória Guimarães statt.
Notiere im roten Saal in mein rotes Heft: “Riesencrevetten mit Kartoffelstock und rosa Pfefferkörner!” Später sehe ich auf der Menükarte, dass es sich beim Kartoffelstock um Selleriepüree gehandelt hat. Ich bin anscheinend kein Feinschmecker.
Donnerstag
Wache im Glücksgefühl des Schweizer Sieges auf. (Ein Hausangestellter hat mir gestern nämlich noch einen Fernseher ins Zimmer gestellt.)
Der Japaner von gestern fällt mir ein: Es muss sich um einen Reiseführer, dem die Schweiz zum Halse raushängt, gehandelt haben. Ansonsten wäre sein Verhalten unerklärlich.
Beim Aufstieg zum Guraletschsee sehe ich einen Ring aus Wolken über den Bergen. Oder sind es Kondensstreifen? Das Buch <Goldener Ring über Uri> kommt mir in den Sinn. Auch die Naturmystikerin Sharon Butala, deren Buch “Wild Stone Heart” ich kürzlich gelesen habe. Darin berichtet die Kanadierin von ihren Erfahrungen in einem steinigen Feld der Butala-Familienranch, das sie 20 Jahre lang immer und immer wieder begangen hat. Weil sie dieses authentische Stückchen Prärie zumeist offenen Sinnes abgeschritten hat, ist sie schwer erklärlichen Phänomenen begegnet, die sich nicht so leicht in unser verordnetes, festgefügtes, rationales Bild von der Welt einfügen lassen.
Oberhalb des Guraletschsees wate ich durch Felder von Edelweiss. Wollgräser wärmen mich zusätzlich beim Aufstieg. Lasse meinen Fotoapparat bei einer Rast liegen und finde ihn mit viel Glück wieder. Das Steigen in steinigem Geröll begeistert mich. Als ich schliesslich im Alprausch oben ankomme und auf die andere Seite runterschaue, muss ich mit allmählich sich einstellender Ernüchterung feststellen, dass ich auf den falschen Grat gekraxelt bin. Doch zurück zu gehen ist nicht mein Ding. So beschliesse ich, die Steinwüste unterhalb des Fanellhorns auf die andere Seite rüber zu queren. Ich gebe zu, dass mir dabei ein wenig mulmig war, vor allem wenn Wolken aufkamen, aber die Steine sind gut verkeilt, so dass das Gehen darauf gar nicht so schwierig ist. Im Weglosen seinen Weg zu finden ist die ultimative Wandererfahrung. Geflügel, das ich für Schneehühner halte, tippelt um Felsbrocken herum. Endlos könnte ich die Steinskulpturen betrachten, aber ich muss vorwärtsmachen, denn mein Weg ist noch weit.
Schliesslich komme ich auf dem Fanellgrätli an, von wo ich nun in die richtige Talschaft runterschaue. Der Abstieg fährt mir in die altersmorschen Knochen. Mein zweifach operiertes rechtes Knie jault auf. Meine rechte Hüfte, künstlich wie sie ist, sagt rein gar nichts. Sie ist tot, funktioniert aber tipptopp.
Die Alpenpolizei, die Munggen, regeln mit ihren Trillerpfeifen den Verkehr, was ich ein wenig übertrieben finde, da ich weit und breit der einzige bin, der unterwegs ist. Auf alle Fälle kann ich mich nicht erinnern, in den letzten fünf Stunden auch nur ein einziges Mal <Grüezi> gesagt zu haben. Es gibt Routen in unseren Bergen, da kommst du vor lauter <Grüezi> sagen kaum dazu, einen Bissen Znüni-Wurst zu schlucken.
Auf der Fanellalp stehen die Kühe höflich von ihrer Nachmittagssiesta auf, als ich daher gewandert komme, glotzen mich dann aber dermassen dumpfsinnig an, als hätten sie noch nie einen Unterländer gesehen.
Rechterhand tost ein Wasserfall wie eine siebenspurige Autobahn zu Tale.
Ich werde langsam sehr müde und weiss kaum mehr, ob ich bei den Elektrozäunen drübersteigen oder unten durchkriechen soll. Der Abstieg ist so steil, dass ich mich fortgesetzt wundere, wie die massigen Kühe hier raufgekommen sind. Und wenn du erschöpft bist, dann machen dich die Munggen noch total fertig. Warum heissen die eigentlich Murmeltiere, wo sie doch alles andere als murmeln, sondern einem mit ihren scharfen Pfiffen nichts weniger als zu Tode erschrecken?
Unten am Bach stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest, dass ich mich sputen muss, wenn ich noch den letzten Bus in Inderpeil erreichen will. Ich fliege über Stock und Stein. Das kann man, man darf sich nur nichts dabei denken, sonst stürzt man ab.
Um punkt fünf Uhr bin ich beim Kiosk, um festzustellen, dass dieser geschlossen ist (die Bauern sind beim Heuen), dass der Bus nur auf Voranmeldung von mindestens vier Personen fährt und dass mein Handy keinen Netzanschluss hat.
Also nehme ich die Beine – die zu nichts mehr zu gebrauchen sind – unter die Arme und “gehe” talauswärts.
Freitag
“Bist du ein Gott?”
“Nein”, erwiderte der Buddha.
“Ein Engel?”
“Nein.”
“Ein Heiliger oder Prophet?”
“Nein.”
“Was bist du dann?”
“Ich bin wach.”
Natürlich ist der Buddha ebenso ein Gott und ein Engel, wie ein Heiliger und Prophet. Seiner Antwort eignet die Pragmatik, die seine ganze Lehre auszeichnet. Als sein Schlüssel-Attribut wählt er die Wachheit.
Was aber heisst es, wach zu sein?
Wach sein heisst, da zu sein, wo man ist. Sich seiner selbst und seiner Umgebung in jedem Moment bewusst zu sein. Das ist schwieriger, als man meint.
Habe mir gestern einen Wolf gelaufen, was mir seit dem 100-Kilometer-Marsch im Tenue B in der Rekrutenschule nicht mehr passiert ist. Beschliesse, heute weniger weit, dafür aber bewusst zu laufen, gegenwärtig zu sein und das Unerwartete zu erwarten.
Oberhalb der Therme komme ich zu einem Bänklein, von dem man nicht
weiter als in das Geäst von Tannen und Bäumen sieht. Dies lenkt den Blick auf das Nahe: Brennesseln, Klee, Löwenzahn, Farne, verblühte Schafgarben und eine Unzahl von unscheinbaren Gewächsen, die für mich nur halbwegs existent sind, weil ich keine Ahnung habe, wie sie heissen. Die Welt unter meinen Füssen ist ebenso erstaunlich wie die der Ferne, die nur zu oft imaginär ist.
In der Kapelle Sankt Johannes Baptista thront über dem Altar der Herr mit einem viereckigen Nimbus. Solche Heiligenscheine sind selten und sollen eine besondere Bedeutung haben. Die zentralen Figuren sind eine Gottesmutter mit dem Jesuskind, links neben ihr der heilige Johannes, der Täufer, mit dem Lamm Gottes und rechts eine Figur mit einem Kelch, aus dem sich eine Schlange räkelt. Es geht die Geschichte, dass der andere Johannes – Johnnes, der Apostel und Evangelist – an heidnischer Stätte hätte opfern sollen, was er sich weigerte, worauf man ihm den Giftbecher gereicht habe. Johannes habe das Kreuz darüber geschlagen, und das Gift sei alsdann als Schlange aus dem Kelch entwichen.
Weiter oben an der Strasse ein Steinabbruch. Auf einer Gesteinsfläche steht die Zahl 23. Die Zahl der Illuminaten! Seit Robert Anton Wilson und Robert Shea auf die dunkle Beziehung zwischen der Zahl 23 und allen möglichen verschwörerischen Ereignissen und paranormalen Phänomenen hingewiesen haben, haben andere ellenlange Listen mit der Zahl 23 erstellt: 230 Menschen starben bei der von Verschwörungsgerüchten umrankten Katastrophe des TWA-Fluges 800. Jede 23. Welle, die auf den Strand rollt, ist doppelt so gross wie die andern. Nach einer alten Maya-Prophezeiung soll die Welt am 23. Dezember 2012 enden. Shakespeare wurde am 23. April 1556 geboren und starb am 23. April 1616. Er war 46 (23+23) Jahre alt, als die King-James-Bibel herausgegeben wurde. Psalm 46 hat als 46. Wort <shake> und als 46. Wort vom Ende her <spear>. Wie kann man sich das nur erklären?
Bei Leis fallen mir zwei junge Leute in ausgesuchten Trekking-Sandalen auf. Es handelt sich um Meisam und Michelle. Drei Tage hätten sie gebraucht, um in Zürich das richtige Schuhwerk für ihre Ferienreise nach Kasachstan ausfindig zu machen. Schliesslich hätten sie sich aber nur drei Tage dort aufgehalten, da sie was Schlechtes gegessen hätten. Meisam hätte dann seine Eltern auf Gran Canaria besuchen sollen. Er habe die Flüge schon gebucht, die Kreditkartennummer und alles eingetippt gehabt und hätte die Buchung nur noch abschicken müssen, habe dann aber gezögert und die Sache schliesslich auf sich beruhen lassen. Das habe ihn vor dem Unglücksflug JK 5022 nach den Kanaren bewahrt. Und nun seien sie – neugeboren! – für zwei Nächte in Vals. Sie hätten sich auf das Dinner in der Therme gefreut. Meisam habe sein Hemd noch mit einer heissen Pfanne gebügelt, aber da sie sich in dem Preis für das Mahl versehen hätten, hätten sie davon Abstand nehmen müssen. Die beiden sind aber unverdrossen.
Im Speisesaal lassen sich die Aufgabler von den Spiessern unterscheiden. Letztere sind diejenigen eleganten Leute – zumeist Frauen – welche die Gabel mit dem Rücken nach oben halten und nur eine geringe Menge an Speisen aufspiessen, während die Aufgabler sich so viel wie möglich auf die Gabel laden.
Bei dem überaus feinen Menu im Hotel Therme überisst man sich deswegen nicht, weil die Portionen klein gehalten sind. Man isst anderthalb oder zwei Stunden mit Bedacht. Wenn es jedoch zwischendurch einen Gang Salatbuffet gibt, dann kann man beobachten, wie sich die Tiernatur im Menschen Bahn bricht. Auch ich bin perplex, mit was für einem geäufneten Teller ich das Buffet verlasse.
Der Küchenchef wirkt schon 35 Jahre am Ort. Nur schon deswegen sollte er in der Zeitung kommen.
Samstag
Die Therme ist ein Sakralbau. Sie ist die Kathedrale unter den Bädern. Denn Wasser ist ein heiliges Gut. Es zu verschmutzen ist ein Sakrileg. Wenn einer ins Wasser schiffe, weine die heilige Jungfrau, heisst es in Bischof Caminadas <Verzauberten Tälern>.
Die teilweise schachtartigen Zugänge zu den Bassins thematisieren den schmalen Weg, das enge Tor, das zum Himmelreich führt. Die hohen Räume suggerieren dem Badenden sich in einer Anderswelt ausserhalb von Raum und Zeit zu befinden. Folgerichtig gibt es auch keine Uhr, die zu Häupten der Erholung und Heilung Suchenden ticken würde. Das heisst, es gibt nicht keine Uhr, sondern zwei kleine, unscheinbare. Man muss sie aber suchen oder wissen, wo sie sich – in zwei schlanke Säulen eingelassen – befinden. Man schaut nicht zu ihnen auf – sie sind nicht einmal auf Augenhöhe – sondern man schaut zu ihnen runter. So soll es sein: Der Mensch nicht als Sklave der Zeit, sondern als einer, der über die Zeit verfügt.
Wunderbar sind die gotisch langgezogenen, dreieckigen Lichteinfälle in den erhabenen Dämmer des Bades. Diese symbolisieren die Dreifaltigkeit, die ja weniger Personen darstellt, als vielmehr ein Prinzip: Das universelle Gesetz der Drei, das da besteht aus der negativen, der positiven und der neutralisierenden Kraft.
Die Therme ist auch eine begehbare Skulptur. Was von aussen einen eher statischen Eindruck macht, erweist sich dem Betrachter von wechselnden Standpunkten im Innern aus als eine dynamische Komposition architektonischer Elemente.
Im Restaurant auf Zerfreila esse ich Heidelbeerkuchen. Dann sause ich mit einem Trottinett zu Tale. Das hört sich kindisch an, ist wie alles Kindische aber sehr vergnüglich. Allerdings sause ich nicht, sondern halte alle paar Augenblicke an, weil einem die Strasse aussen am Tunnel herum atemberaubende Einblicke in die Schlucht des Valserrheins gewährt. Auch bin ich wieder an meine Jugend erinnert, da ich als einer der ersten im Dorfe ein Trottinett mit luftgefüllten Pneus hatte. Es war azurblau und mein ganzer Stolz.
Ausgangs der Schlucht befindet sich der Steinbruch, aus dem die Quarzitplatten der Therme stammen. Ist die Therme ein Ort der Besinnlichkeit, ist der Steinbruch ein solcher der Gewalttätigkeit. Ein Monster von einem Komatsu-Bagger ist von seinem werktäglichen Wüten in den Weekend-Stupor verfallen. Beklommen schaue ich an den von den Bohrmaschinen schraffierten Felswänden empor, zu deren Füssen sich abgesprengte Steinbrocken in chaotischem Durcheinander lagern und ihrer Verwendung als Tischplatten, Steinschalen sowie als Bauelemente für Universitäten und gouvernementale Anlagen entgegenharren.
Man lasse sich von diesem Vals nicht täuschen. Es ist beileibe nicht nur eine Idylle von einem blumeten Trögli aus dem letzten Jahrhundert, sondern oben in Zerfreila staut eine schreckeinflössende Mauer Wasser, aus dem Steinbruch wird Gestein mit Dynamit gesprengt und am anderen Ende des Dorfes wird in einer hochtechnisierten Anlage Mineralwasser in grüne Flaschchensoldaten abgefüllt.
In Vino Veritas: Nach einem Glas Amarone bereits stellt sich die Frage, was eher ist: <to do is to be> oder <to be is to do>. Meister Zumthor ist für das Machen, während ich das Sein voranstelle, obwohl mein Gewährsmann, Georg Ivanovich Gurdjieff doch gesagt hat: “Das Höchste, was ein Mensch erreichen kann, ist die Fähigkeit zu tun.”
Was aber meint er mit <tun>? Wir tun ja ständig alles Mögliche: Arbeiten, essen, wandern... Doch bei genauem Hinsehen erweist sich, dass die meisten Aktivitäten einfach passieren, auf einer automatischen Schiene ohne weitere bewusste Wahrnehmung einfach ablaufen. Wirkliches Tun ist Magie: Tun das aus Bewusst-Sein kommt.
Frank Sinatra jedoch meinte: “Dubidubiduuu!”
Verabrede mich mit Elke, der oberbayrischen Schulrätin, zur Dreiseenwanderung.
Sonntag
Elke steigt bergan, dass ich alsbald Sternlein sehe. Dennoch finde ich die Kraft, allerorten die Steinmannli zu bewundern, die im Valsertal Steihirta heissen. Manche sind so kunstvoll geschichtet, dass sich selbst Andy Goldsworthy ein Stück davon abschneiden könnte.
Weit oben über Talschaft und Alp stehen Kühe auf unserem Pfad, wo es eigentlich keinen Grund für sie gibt herumzustehen. Eine Kuh hat eine Wunde seitlich am Kopf. Wenn sie hier gestürzt wäre, wäre sie wohl auf die Alm runter gekollert. Elke findet, sie sei angenagt worden. Aber von wem? Von hungrigen Wanderern?
Beim Abstieg vom Selvasee erzählt Elke, dass sie einmal als Kind in den Ferien beim Heidelbeeren naschen eine andere Beere erwischt habe. Sie habe das verbliebene Gewächs ausgerissen (kluges Kind!) und sei damit nach Hause geeilt, wo dieses als Einbeere, auch Krähenauge, Kreuzkraut, Sauauge, Schlangenbeere, Teufelsauge oder Wolfsbeere – ähnlich der Tollkirsche – bestimmt worden sei. Der Vater sei mit ihr zum nächsten Bauern runtergestiegen, der eben mit einem grossen Messer in der Hand an einer Speckseite gesessen sei. “Du schtirbsch, Kind!” habe dieser gemeint. Gestorben sei sie dann aber nicht, weil ihr der Magen ausgepumpt worden sei. Trotzdem habe sie nächtens noch halluziniert.
Mit Schwein und dank der gütigen Mithilfe von Elke noch das Posti nach Ilanz erreicht. Bei Lunschania erblicke ich einen Bauernhof an einem sozusagen senkrecht abfallenden Berghang.
Ein Tip an den Bauern: Er sollte sich unbedingt beim <Guiness Buch der Rekorde> melden. Sein Hof ist mit Sicherheit der an der steilsten Steillage operierende Bauernbetrieb auf der ganzen Welt!