Freitag, 27. August
Zeitlebens ein Velofahrer und Autohasser habe ich mit 61 ein Auto gekauft, einen „Toyota Yaris“. Mit diesem fahren Irene und ich nun nach Spanien. In Zofingen laden wir Andrea ab – sie ist noch aufgedrehter als wir: Sie hat einen Neuen.
In Neuenburg sind wir wieder mal viel zu früh in Irenes Lieblingsbrasserie und erwägen deshalb für Spanien, uns für das Abendessen jeweils zum spätestmöglichen Mittagsservice in den Restaurants einzufinden.
Um uns die Zeit zu vertreiben, sind wir ein wenig gegenteiliger Meinung. Andrea war mit ihrem Liebeskummer bei einem Psychiater vorstellig geworden, was ich für übertrieben halte, Irene als Psychiatriefachfrau aber durchaus angemessen findet. Ich bleibe dabei: Liebeskümmernisse und ähnliche Lebensproblematiken sollte man mit Freunden und Freundinnen besprechen können und nicht einem Spezialisten für die Auflösung von Neurosen vorlegen müssen. Aber die nehmen natürlich den Zaster von wem auch immer er kommen mag.
Ein Paar aus deutschen Landen regt sich darüber auf, dass in dem Restaurant niemand Deutsch kann, um ihnen bei der Speisenwahl behilflich zu sein. Springe als Dolmetscher ein. Der Herr will schliesslich auch noch sicher gehen, dass an dem gewählten Fisch kein Knoblauch ist. Weil mir im Moment gerade nicht einfallen will, was „Chnobli“ auf Französisch heisst, entsteht ein Riesenwirbel, der die halbe Beiz erfasst. Die Deutschen sind aufs Äusserste gereizt.
Samstag, 28. August
Wir brettern nach Lausanne, Genf, Lyon, St. Etienne, Clermont Ferrand und kommen erst in Brive la Gaillarde zum Stehen.
Auf einer Anhöhe steigen wir im „Château de Lacan“ ab. Unser Zimmer ist mit „Plaisir“ angeschrieben. Das Restaurant heisst „L'envie“. Das Cordonbleu mit Härdöpfelstock aber ist lauwarm.
Höhepunkt des Tages stellte eindeutig die erste französische Mautstelle dar, bei der es Irene schaffte, ausgerechnet zu jenem Kabäuschen einzuspuren, bei welchem man eine Maut-Karte benötigt. Es war ein besonderer Spass, sich rückwärts aus der Kolonne wieder auszuklinken, und die hinten anstehenden Autobahnbenützer hatten auch ihre helle Freude an dem Manöver.
Sonntag, 29. August
In Bordeaux ist Kartenlesen angesagt, um ans Meer zu finden. Schliesslich landen wir in Arcachon.
Das Hotel „Les Vagues“ ist ein hässliches Entlein, das aber direkt am Meer dümpelt. Die Innenausstattung ist altmodisch und altmodisch will einem auch die Freundlichkeit des Personals erscheinen.
Im Speisesaal essen wir je einen „Salade de la Mer“.
Irene will ihren Koffer nicht im Auto lassen. Zu sehr hängt sie an ihren Textilien aus Kaschmier. Ganz Gentleman, der ich bin, schleppe ich das tonnenschwere Behältnis in den vierten Stock. Es kommt zur Diskussion darüber, wer von uns beiden der grössere Bünzli sei. Irene punktet damit, dass ich in den Restaurants jeweils noch helfen wolle, das Geschirr rauszutragen. Man müsse den Leuten, doch die Erfüllung ihrer Aufgaben lassen, grummelt sie.
Das Abendessen auf der Strandpromenade „Assiette des Moules à l'Espagne“ ist ein totaler Reinfall, bei welchem nicht ganz klar ist, wer von uns beiden dafür verantwortlich ist.
Die Stimmung ist soweit getrübt, dass sich Irene weigert, die Krankenschwester zu machen und mir eine Nackenstarre wegzumassieren.
Während Irene über Marie Ndayes „Drei starke(n) Frauen“ einschläft, lese ich einen Artikel über Karpfenfischerei, die sehr anspruchsvoll sein soll und ein Sport für Eingeweihte sei. Karpfen würden in den dunkelsten Untiefen gründeln und müssten in stockdunkler Nacht mit ausgesuchten Leckerbissen herangefischt werden.
Das Rauschen des Meeres lullt auch mich ein. Plötzlich ruft Irene: "Do isch öppis mitem Datum falsch!"
Da legt man all das Geld aus, um in die Ferien zu fahren, und dann träumt die Gute vom Büro!
Montag, 30. August
Wir sind bereits früh unterwegs. Südlich von Arcachon, bei der grossen Düne von Pilat gelingt es mir, die gerade wenig besichtigungsfreudige Irene zu einem Gang an den Strand zu locken, handelt es sich doch bei dem Sandhaufen um die grösste Wanderdüne Europas. Sie ist bis zu 117 Meter hoch, 500 Meter breit und 2,7 Kilometer lang. Ihr Volumen beträgt 60 Millionen Kubikmeter. Seit cirka 18'000 Jahren soll sich die fette Düne schon auf Wanderschaft befinden, wie aus der inneren Struktur des Naturphänomens zu schliessen sei.
Wir laufen ein wenig dem Strand entlang. Auf die Düne rauf zu kraxeln, dazu lässt sich meine Gefährtin aber nicht verleiten.
Wir kutschieren dem Meer entlang und machen in Biarritz Station. An den dortigen zwei Stränden rollen Super-Wellen an. Eine davon aber hat es auf mich abgesehen. Ich erhalte einen solchen Klatsch an den Kopf, dass meine nigelnagelneue Sonnenbrille Flöten geht. Immerhin ist mir dabei die Badehose geblieben.
Beim Abendessen in einem Restaurant am Place Sainte Eugénie lässt sich beobachten, dass laut schreiende Kinder oft das Produkt dummer Eltern sind. Die Mutter hat sich in ihrem Fett vergraben, und das ihr eigene Phlegma lässt sie das Gezänk ihrer Brut überhören. Der Vater, ein Hallodri mit leerem Hosenboden und der Hälfte der Jeans auf die Schuhe gekringelt, zittert unblässig seine überschüssige (Sexual-) Energie mit den Beinen ab.
Darf man sich eigentlich über schreiende Kinder beklagen, ohne als Unmensch zu gelten?
Ein Herr mit roten Hosen, weissem Pulli und weissen Schuhen kaut, um sich seines operettenhaften Auftritts gewachsen zu zeigen, Gummi.
Unser Hotel „Edouard VII“ befindet sich an der Avenue Carnot, eine sehr gepflegte Dreisterne-Herberge.
Dienstag, 31. August
Sonnentag. Wir bleiben noch.
Machen einen Spaziergang dem Meer entlang.
Im Hafen genehmigt sich Irene in der Früh im „Le Corsaire“ einen Espresso mit Zigarette zur Inbetriebsetzung der Materialabfuhr. Ein Herr mit Sauerstoff-Maschine ist schon beim ersten Bier.
Oberhalb des Miramar-Strandes hat es eine Rue Louison Bobet. Bobet war es als erstem Fahrer gelungen, dreimal die Tour de France zu gewinnen. Er soll aber auch ein guter Tischtennis-Spieler gewesen sein. Einmal gewann er die Meisterschaft der Bretagne. Als er aber bei den französischen Meisterschaften um 1942 in der ersten Runde ausschied, gab er den Pingpong-Sport auf.
Irene bleibt an einem Schaufenster mit blauen Stiefeln hängen. Bitterkeit will mich ankommen: Baden will sie nicht, dafür Stiefel mitten im Sommer kaufen.
Irene überwindet ihren Missmut und zwingt/zwängt sich ins Badekleid.
Auch Tschechow war in Biarritz und notierte, in seiner Tasche schmelze das Geld wie Eis dahin.
Tschechow wurde nur 44 Jahre alt. Staune immer wieder, wie oft Künstler, die uns ein umfangreiches und grossartiges Oeuvre hinterlassen haben, jung gestorben sind. In 23 Jahren schuf Tschechow 600 literarische Werke!
Mein Vater wurde 96 Jahre und hat ausser dem Testament nichts Schriftliches hinterlassen. Ich werde sicher 110 Jahre alt und werde zwei literarische Werke, die möglicherweise auf die Nachwelt kommen, geschrieben haben.
Der kleine Vladimir Nabokov versuchte am Strand mit einem Brennglas einen Kamm, den er gefunden hatte, in Brand zu setzen.
Superstress bis ich im Parkhaus bei der Post das Auto ausgelöst habe: Kreditkarte nicht akzeptiert, zu wenig Kleingeld und ich weiss nicht mehr was alles. Derweil verzweifelt Irene wartenderweise in einem Restaurant. Als ich endlich ankomme, ist die Stimmung wieder mal im Eimer.
Abends im Fischerhafen bei Moules avec Frites und Weisswein sind wir jedoch glücklich.
Mittwoch, 1. September
Der Tag beginnt mit einem Megakrach, weil ich ohne zu Blinken beim Hotel vorfahre, was – wie Irene moniert – die nachfolgenden Automobilisten sehr irritiert habe. Dass Irene meine Fahrkünste anzweifelt, beleidigt mich sehr. Unbedachte Worte und Widerworte führen dazu, dass ich in der Wut das Gaspedal durchdrücke, und wir in einem Höllentempo gen Saint Jean de Luz brausen. Irene muss es dabei wind und wehe geworden sein. Sie mag mir jedoch diese Genugtuung nicht gönnen und lässt sich rein gar nichts anmerken.
In Hendaye habe ich mich soweit beruhigt, dass wir das dortige enigmatische sogenannte zyklische Kreuz besichtigen können. Der anonyme Alchemist Fulcanelli hat in einem seinem „Le Mystère des Cathédrales“ dreissig Jahre später angefügten Kapitel darüber geschrieben und dabei die Behauptung aufgestellt, dass es sich bei dem Mal um ein "einzigartiges Monument des ursprünglichen Millenarismus und die seltenste symbolische Übersetzung des Chiliasmus" handelt – was immer das heissen mag. Mit Chiliasmus ist auf alle Fälle der Glaube an ein Jüngstes Gericht als wörtlich genommenes Ende der Zeit gemeint.
Wir fanden das Kreuz in einem kleinen Hof der Kirche Saint Vincent. Auf einem Sockel mit rätselhaften Symbolen steht eine Säule und auf dieser ein Kreuz mit der ebenso rätselhaften Inschrift "O Crux Aves / Pes Unica", Heil dem Kreuz, der einzigen Hoffnung. Die nur zu bekannte Inschrift auf vielen Grabmälern ist an sich alles andere als rätselhaft. Doch ist das S von Spes auf eine Art missplatziert, dass dies der Steinmetz nicht nicht gewollt haben kann. Das ist es denn, was die Dechiffrierer und Wort-Cabalisten auf den Plan gerufen hat. Fulcanelli hat daraus "Il est écrit que la vie se réfugie en un seul espace" gezogen. Jay Weidner und Vincent Bridges, „The Mysteries of the Great Cross at Hendaye“, wollen diesen Raum durch ihre Cabale in einer Höhle bei Urtico in der peruanischen Provinz Cuzco geortet haben.
Wie dem auch sei, Irene und mich hat die leibhaftige Ansicht des Kreuzes nicht zu inspierieren vermocht, so dass wir weiter schweigend über Autobahnen gebraust sind. Weil wir es aus Verstimmung nicht übers Herz brachten, miteinander zu reden, verpassten wir natürlich die von Katharina empfohlene Route nach Castilla y León. Dennoch gelangten wir ohne weiteres nach Subijana Morillas und von dort nach Berberana. Durch das Valle de Losa muss man höllisch aufpassen, um die Abzweigung von der Hauptstrasse nach Villacián nicht zu verpassen.
Der Himmel ist grau und grau auch das Land. Die Turmuhr am Ort schlägt metallisch. Das Dorf macht einen ziemlich entvölkerten Eindruck. Es muss jedoch Leute hier geben, ein Hund schlägt nämlich an. Der Bauernhof, auf dem wir logieren, macht einen chüschtigen Eindruck. Das Haus ist weitläufig. Die Türen aber sind niedrig gehalten. Schlage mir am ersten Tag nicht weniger als dreimal den Kopf an.
Zum Mittagessen fahren wir ins nächste Dorf, Quincoces de Yuso, und essen dort im „Puente Romano“ Bacalao, Kabeljau an Tomatensauce. Die Stimmung hellt sich infolge der Nahrungsaufnahme ein wenig auf. Wir sind die einzigen Gäste.
Als wir zurückkehren, begegnen wir 1 Menschen.
Donnerstag, 2. September
Die erste Nacht im Bauernhaus, das Katharina und Marianne, Irenes Nachbarinnen, gekauft haben und nun dabei sind, Schritt für Schritt zu renovieren, verlief ohne Zwischenfälle.
Morgens weitere zwei bis drei Mal den Kopf an den für Liliputaner gedachten Durchgängen angeschlagen.
Für die Bedienung der Kochplatten braucht es ein Brevet: Emailtöpfe dürfen nur unter Einsatz einer Zwischenplatte erhitzt werden. Welches aber sind Emailtöpfe? Auch dürfen keine Herzschrittmacher auf die Platten gelegt werden. Sofern beide Platten benützt werden, muss die Boiler-Sicherung rausgeschraubt werden.
Am Morgen fahren wir nach Medina de Pomar, dem Hauptort von Las Merindades, nördlich von Burgos und angrenzend an das Baskenland und die Provinzen Álava und Cantabria. Geografisch ein Übergangsgebiet von der kantabrischen Gebirgskette zum Tal des Ebro und der kastilischen Meseta.
Im Auto entspann sich folgender Dialog:
- Hast du keine Angst vor Anschlägen?
- Die Basken machen doch keine Anschläge im Baskenland!
- Du warst doch auch so in einer Terroristengruppe...
- Was?
- Du warst doch auch in Spanien unterwegs...
- Nein, in Griechenland.
- Da hattest du doch so Heftchen reingeschmuggelt...?
- Nein, Flugblätter.
- Für wen schon wieder?
- Die Kommunisten.
- ...
- Eigentlich aber für Eliza Papadakis.
In unserer ersten spanischen Bar lernen wir, dass Espresso „café scholo“ heisst. Nach längerem dämmert uns, dass es sich wohl um „café solo“ handelt. Die Toiletten heissen „aseos“.
Auf der Plazuela del Carmen steht eine Statue von Juan de Salazar y Espinosa, Fundador de Asunción, Capital de Paraguay. Nació en Medina de Pomar, tatsächlich aber in Espinosa de los Monteros, ca 18 Kilometer nördlich, im Jahre 1509 und murió en Asunción 1560. Auf der Suche nach einem vermissten Conquista-Kumpanen gründete er am östlichen Ufer des Paraguay-Flusses das Fort „Nuestra Señora Santa Maria de la Asunción“, weil der Gründungstag, der 15. August, mit dem Fest von Maria Himmelfahrt zusammenfiel.
Wir besuchen das Museo „Alcázar de los Condestables“.
Irene bekommt von ihrer Schwester Susanne mitgeteilt, dass sich in ihrer – Susannes – Küche, als sie von einem Kommissionen-Gang nach Hause zurückgekehrt sei, eine Ratte befunden habe. Irene lässt keinen Zweifel daran, dass sie – wäre ihr das passiert – die Türe verschlossen und das Haus nie mehr betreten hätte. Susanne aber soll die Posti-Tasche abgestellt und das Vieh mit einem Besen vertrieben haben.
Chapeau!
„Neri“, die Hauskatze, soll bei dem Vorfall komplett versagt haben.
Lese in einem Buch über Spanienkämpfer aus Katharinas Bibliothek von einem gewissen Ritter (1914-84), der – wie ich – in Flums geboren wurde. Aufgewachsen aber ist er in Zürich-Altstetten, wo er nach seinem Schulabgang der SP-Jugend beitrat. In La-Chaux-de-Fonds erlernte er den Beruf des Käsers.
Zwei Monate vor dem Aufstand der spanischen Generäle, bricht er im Mai 1936 auf Arbeitssuche nach Katalonien auf.
Im Dezember meldet er sich auf der Rekrutierungsstelle der Deutschen Anarcho-Syndikalisten, DAS, welche das Grupo internacional der Kolonne „Durruti“ mit Milizionären versorgt. Ritter kämpft bei Pina de Ebro (Zaragoza). Er soll kein Anhänger der PSUC, der katalanischen Einheitspartei aus Sozialisten und Kommunisten auf streng stalinistischem Kurs, gewesen sein. Schliesslich wird er Mitglied der anarchistischen Gewerkschaft CNT und steht in Kontakt zu Augustin Souchy.
Ab September 37 ist er bei einer Flak-Batterie der spanischen Armee. Dort soll er eifrigen Parteikommunisten unangenehm aufgefallen sein. Als Ritters Einheit bei Francos Offensive zum Mittelmeer aufgerieben wird, schlägt er sich nach Barcelona durch.
Am traditionellen Treffpunkt der Freiwilligen aus der Schweiz, der Bar Scandinavia im Hafenviertel, kommt es zu einem Wortgefecht mit SIM (kommunistisch dominierter, militärischer Geheimdienst Spaniens)- Mitarbeiter Rudolf Frei, dem er vorwirft, gegen Geld Entlassungsscheine auszustellen. Am Tag darauf will ihn Platzkommandant Otto Brunner in der Bar festnehmen, erschiesst aber unter Alkohol-Einfluss im Handgemenge versehentlich den Freiwilligen Karl Romoser.
Ritter kann sich durch einen Sprung aus dem Fenster retten.
Romoser hatte als PSUC (Partit Socialista Unificat Catalunya)-Milizionär in der Sierra de Alcubierre im Bataillon Stalin in einem Panzerwagen gekämpft, ebenso mit der 27. Division bai Jaca im Norden, bei Zuerza (Zaragoza) und bei Teruel.
In der Schweizer KP-Presse soll es dann geheissen haben, Romoser habe sein Leben im Kampf um Demokratie und Freiheit hingegeben und sei durch feige trotzkistische Mörderhand gefallen.
Brunner, KP-Haudegen, aber schaffte es in die höchsten Ränge der Internationalen Brigaden.
Es ist still. Man hört nur vereinzelte Geräusche: Hunde bellen. Ein Specht klopft. Ein Vogel kreischt. Ein Kind schreit. Ein Flugzeug röhrt. Ein Hahn kräht. Irene klickt. Dann bellt wieder ein Hund.
Im Nussbaum hat es Wind.
Freitag, 3. September
Fahren ein paar Dörfer weiter nach San Pantaleón de Losa. Der Ort hat 13 Einwohner (2007). Auf einem Felsen, der wie das Heck eines untergehenden Schiffes aus einem Hügel ragt, thront die Kapelle einer Einsiedelei. Diese soll in einem Zusammenhang mit dem Heiligen Gral stehen. Mehr lässt sich mit meinen rudimentären Spanischkenntnissen nicht herausfinden.
Zu Beginn unserer Rundwanderung müssen wir uns als erstes mit den Wegbezeichnungen vertraut machen. X bedeutet: Hier geht es nicht durch. = bedeutet geradeaus. Richtungswechsel werden mit entsprechenden Winkeln angezeigt.
Im Morgennebel glitzern grosse Spinnweben in Büschen und zwischen hohen Gräsern. Wir sind hingerissen. Über Gesträuch und Baumgeäst sind ganze Gazebahnen von Gesponnenem gelegt. Unerklärlich ist mir, wie Spinnen auf Kopfhöhe einen Faden über die ganze Wegbreite von gut und gerne anderthalb Meter ziehen können.
Die Schönheit der Eindrücke lässt einen wacher sein als gewöhnlich.
Stille inspiriert zu innerer Stille. Leonardo da Vinci hat gesagt: "Nichts ist so wie das Nichts."
Der Napf, unser Naherholungsgebiet im Luzerner Hinterland, ist allerdings auch schön, und es hat weniger Fliegen!
Später als die Sonne den Nebel aufgesogen hat, wandeln wir beschwingt durch kräftige Kiefern- und Eichen-Wälder.
An der Tankstelle unweit der Kreuzung kaufe ich ein Raketen-Eis, das mir wieder mal veranschaulicht, wie global die Welt ist, in der wir leben. Es ist nämlich das gleiche Glacé wie bei uns im Coop. Nur ist als ferne Reverenz an Vielgestaltigkeit der Gupf bei den Coop-Raketen noch mit Schokolade überzogen.
Lese unter dem Nussbaum „The Stargate Conspiracy“ von Lynn Picknett und Clive Prince – "Revealing the truth behind extraterrestrial contact, military intelligence and the mysteries of ancient Egypt".
Die grosse Pyramide besteht aus 2,5 Millionen Sandstein-Blöcken mit einem durchschnittlichen Gewicht von 2,5 Tonnen.
Die Seitenlängen an der Basis weichen um weniger als 20,5 cm zwischen der kürzesten und der längsten ab!
Einige Steinblöcke in der Umgebung der Sphinx, welche an die neun Meter Länge aufweisen, sind cirka 200 Tonnen schwer.
Erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden Krane gebaut, die es ermöglichen, Gewichte von 100 Tonnen zu heben – die Hälfte des Gewichts der grössten Blöcke des Taltempels!
Wie war es den alten Ägyptern vor drei Jahrtausenden möglich, solche Gewichte zu heben?
Eine naheliegend einfache Frage, die nichtsdestotrotz die ganze etablierte Ägyptologie aus den Angeln zu heben in der Lage ist. Wie kann man bei so handfester Sachlage davon ausgehen, dass es sich bei den alten Ägyptern um ein barbarisches Volk gehandelt hat, das nicht mal über eine Religion, sondern lediglich Totenrituale verfügt haben soll? Diese "Wissenschafter" müssen von mehr als nur Blindheit geschlagen sein. Eben darum lese ich "Fringe"-Autoren und Maverick-Researcher wie Schwaller de Lubic, Anthony West und Picknett/Prince!
Und was ist mit den astronomischen Kenntnissen der Dogon im schwärzesten, westafrikanischen Mali? Diese Dogon verfügen über ein elaboriertes Glaubenssystem in dessen Zentrum der Sirius-Stern steht. In einer Entfernung von 8,7 Lichtjahren ist er der unserem Sonnensystem zweitnächste Stern.
Die zwei französischen Anthropologen Marcel Griaule und Germaine Dieterlen, die nach dem Zweiten Weltkrieg viele Jahre mit den Dogon gelebt und diese studiert haben, sind dabei einer ziemlich eigenartigen Sache auf die Spur gekommen. Die Dogon glauben nämlich, dass Sirius von einem zweiten, extrem schweren und unsichtbaren Stern begleitet wird. Tatsächlich steht heute fest, dass Sirius ein binäres, wenn nicht gar trinäres Sternsystem darstellt, dass aber der kleine Sterngefährte, Sirius B, nur mit sehr starken Teleskopen von der Erde aus erkennbar ist. Die Existenz von Sirius B ist von "unseren" Astronomen erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts vermutet worden, als Anomalien in der Bahn von Sirius eine Anziehung, ausgehend von einem massiven Himmelskörper in der Nähe, nahelegten. Aber erst 1842 wurde Sirius B schlüssig observiert, und fotografiert wurde der Stern erst 1970!
Wie nur sind die Dogon zu einer solchen und noch einigen anderen erstaunlichen astronomischen Kenntnissen gelangt?
Würden "unsere" Wissenschafter nicht von dogmatisch, quasi-religiös festgelegten Weltbildern ausgehen, gemäss welchen nicht sein kann, was darin nicht vorkommt, wäre unser aller Leben bunter und spannender, weil spiritueller Offenheit verpflichtet und nicht von materiellem Reduktionismus niedergewalzt und eingehagt.
Samstag, 4. September
Unter dem Nussbaum mit Picknett/Prince: In den 70iger Jahren war die Forschung von SRI International (zuvor das Stanford Research-Institute) – eine der weltweit grössten Forschungs-Einrichtungen, die rund 2'700 Wissenschafter beschäftigt, mit guten Verbindungen zum amerikanischen Verteidigungs-Departement und der Gemeinde der Nachrichtendienstler – über „Remote Viewing“, Fern-Wahrnehmung, in internationalen parapsychologischen Kreisen ohne weiteres bekannt und von diesen im Grossen und Ganzen durchaus positiv als spannenden Beleg für die Existenz eines Bewusstseins aufgenommen worden, das unabhängig vom physischen Körper und Gehirn agieren kann. Die damit einhergehenden Implikationen sind weitreichend, nicht zuletzt wird dadurch bestätigt, was Mystiker und spirituell inspirierte Menschen seit jeher gesagt haben und was überhaupt das Ziel jeglichen esoterischen Bemühens darstellt, nämlich die Realisierung eines Bewusstseins, das den physischen Tod zu überleben in der Lage ist.
Wenn das kein Witz ist: Was Theologen herrschaftausübender Religion ebenso wie die Hohepriester der Naturwissenschaften seit Jahr und Tag in strikteste Abrede stellen, nämlich die spirituelle Gegebenheit eines höheren Bewusstseins – im christlichen Kontext möglicherweise „Seele“ genannt – welche keine Funktion der Physis darstellt, sondern im Gegenteil diese informiert, wird von obskuren Einrichtungen wie dem amerikanischen Geheimdienst CIA aus pragmatischen Gründen zu Spionagezwecken aufgegriffen!
Remote-Viewer Number 1 des Pentagon, der Geheimdienstler Joseph Mcmoneagle, schrieb die Autobiographie eines PSI-Agenten unter dem Titel „Mind-Trek“. Was ihn seine medialen Fähigkeiten entdecken liess, war ein Nahtoderlebnis, in welchem er die Begegnung mit seinem Selbst wie folgt beschreibt:
"Nach einer gewissen Zeit (...) wurde ich mir einer sanften Wärme an meinem Nacken bewusst. Sie ging von der Basis meines Schädels aus und bereitete sich von da aus aufwärts durch mein ganzes Wesen aus. Es war nicht die Art von Wärme, die wir mit einem Heizkörper verbinden. Es war eher eine Wärme des Gefühls, des Seins. Sie liess mich überall ein Prickeln verspüren. Sie nahm an Intensität zu, und ich begann mich überall gut zu fühlen. Bald überstieg es gar die Definition von gut – dann von besser – dann von grossartig – dann von herrlich. Mehr und mehr nahm das Gefühl, das zu beschreiben es keine Worte gibt, an Intensität zu und erfüllte mein Sein vollständig. Es war 12mal 10 hoch 33 mal so stark wie der Gipfel eines sexuellen Höhepunktes. Es war das überwältigendste Gefühl, das ich je in meinem Leben verspürt hatte.
Ich drehte mich um, um nach der Quelle dieses Gefühls Ausschau zu halten und wurde sofort in das hellste und sanfteste weisse Licht eingehüllt, das man sich nur vorstellen kann.
(...)
In diesem Licht zu sein bedeutete, mich zu Hause zu fühlen, ganz, warm und wohl. Was könnte dieses Licht sein? Die Totalität meines Selbst!
Meine Erinnerung an das Sein im Licht beinhaltet totale Befriedigung, vollständiges Wohlgefühl und Ganzheit.
Wann immer ich heute in den Spiegel sehe, denke ich an das Licht. Ich weiss, dass ich nur einen kleinen Teil meiner eigenen Totalität sehe. Die Person, die mir aus dem Spiegel entgegenblickt, ist die dürftigste Repräsentation dessen, wer und was ich eigentlich bin. Ich weiss, dass wir jenseits dieses primitiven Ortes namens physische Realität auf eine Weise existieren, die sich nur Gott hat ausdenken können.
(...) Wenn das Licht die Totalität des Selbst ist, dann haben wir wahrlich lange, lange Zeit geschlafen."
Wir beschliessen, zur Corrida nach Ampuero zu fahren. Auf dem Weg gen Norden haben wir den Alto de los Tornos (920m) zu überwinden. In Ampuero schauen wir uns schon mal um. Es sieht aus wie am 1. Mai in Zürich. Balustraden säumen die Hauptstrasse. Alle Kaufläden sind verrammelt. Hier werden offensichtlich die Stiere zum „encierro tradicional“ durch die Gassen gejagt: San Fermín chico.
Das Schöne an Ampuero: dass es noch Orte auf der Welt ohne blaue Zonen gibt.
Wir sind viel zu früh. Also fahren wir nach Laredo zum Baden. Playa la Salvé, schön weit geschwungenes Buchten-Baderund, zum Teil umstanden von sechs- bis achtstöckigen Appartementblöcken. Das ist Demokratie: Anstelle von ein paar privilegierten Strandanstössern, Aussicht auf des Meeres Wellen für Hinz und Kunz, übereinandergeschachtelt!
Hinz und Kunz, die Parias des guten Geschmacks!
Irgendwie tragisch: Überall, wo diese sind, ist es vorbei mit der Gemütlichkeit.
Rundgang durch die Altstadt: Vor der Kirche steht knöcheltief im niedergegangenen Konfettiregen eine Bauernhochzeit. Die Damen in abenteuerlichen Roben stöckeln unsicher auf hohen Absätzen. Die Brautjungfer sticht die Konkurrenz aus mit einem Rock, der wie eine Pump- (oder heisst es Plump-?) Hose unten zusammengenommen ist. Bei den Herren herrschen rosa Hemden vor. Der Bräutigam trägt ein grünes: Grün, die Farbe der Hoffnung auf ein gedeihliches Eheleben. Wer aber hat das Auto des Brautpaares mit Toilettenpapier dekoriert?
Die Corrida in Ampueron wird im Rahmen der Fiestas Patronales de la Virgen Niña y Nuestra Señora de la Bien Aparecído, der Patronin von Kantabrien, durchgeführt: Zwei Magnificas Novilladas con Picadores.
Eine halbe Stunde bevor das Kassenhäuschen öffnet, stehe ich mit ein paar Aficionados an. Um fünf vor sechs Uhr – der Stierkampf beginnt laut Affiche um sechs – verlieren sich ein paar wenige Zuschauer in der Arena. Irene inspiziert den Corral und sichtet vier Stiere und einen Kühlwagen.
Das Spektakel beginnt dann um etwa halb sieben. Enttäuschend wenige Zuschauer vermögen nicht gross Stimmung zu erzeugen. Der Stierkampf ist in seiner Stammlande Spanien ganz offensichtlich im Niedergang begriffen. In Katalonien ist er gar verboten worden. Die Jünglinge Alejandro Enriquez von Granada und Emilio Huertas von Ciudad Real in ihren sexy Outfits schlagen sich beachtlich. Irene – in dieser Hinsicht sonst eher zurückhaltend – bemerkt: "Das sind Pürschtli, schau mal diese Füdli!" Auch eine kleine in rot und weiss gewandete, starkbrüstige Frau, deren T-Shirt die Aufschrift „Love“ trägt, ist begeistert.
Doch das Geschehen wirft keine grossen Wellen. Emilio Huertas legt seinen Hut in den Sand und zieht als Mutbeweis, wenn es denn überhaupt ein solcher ist, auch noch seine Schuhe aus, um in blossen Strümpfen zu kämpfen. Vielleicht aber drücken ihn auch nur Hühneraugen. Huertas werden vom Präsidenten zwei Ohren zugesprochen.
Bei einer Gelegenheit wurde es einem dann doch noch ziemlich mulmig zu Mute. Ein Picador stocherte fortgesetzt mit seiner Lanze in der Nackenmuskulatur des Stieres. Irene stieg auf die Bank und schrie in das Rund: "Ufhöre, ufhöre!" Das tun die Spanier oft, besonders aber wenn sie das Gefühl haben, dass das Tier dadurch zu stark geschwächt wird. Bei Irene war mir nicht ganz klar, ob sie sich im Blutrausch befand oder es aus Tierliebe tat. Auf alle Fälle gewann dann der Stier die Oberhand. Er nahm das Pferd samt Schutzpolsterung auf die Hörner und legte es um. Der Picador kam unter das Pferd zu liegen und vermochte sich – eingeklemmt – nicht zu befreien. Wehrlos sah er sich dem wutschnaubenden Stier gegenüber. Irene und ich sassen sehr nahe am Geschehen und konnten die Todesangst im Gesicht des Tierquälers sehen. Matador, Bandilleros und andere Helfer suchten den Stier wegzulocken. Schliesslich kam einer auf die rettende Idee, dem Tier eine Capa über den Kopf zu werfen.
Uff, das hätte ins Auge gehen können!
Diese Stierkämpfe sind – auch wenn die Ausgangslage für den Menschen und das Tier nicht die gleiche sein mag – doch eine Angelegenheit auf Leben und Tod, und das ist in dieser unserer Plastikwelt eine eigenartig aufwühlende Erfahrung.
Gut, man kann sagen, eine Lauberhornabfahrt oder ein Formel-1-Rennen seien das auch. Aber diese sind natürlich lange nicht so archaisch, als wenn sich wie beim Stierkampf Mensch und Tier als Kontrahenden gegenüberstehen.
Sonntag, 5. September
Lazy day.
Ich suche in dem weitläufigen Bauernhaus die Waschmaschine.
Entziffere mühsam in einem Buch mit der Geschichte des Losa-Tales, was ich mir auch selbst hätte denken können, dass sich das Tal in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts entvölkert hat. "1950-60 – los años del gran éxodo."
Die Scholle vermochte ihre Bebauer nicht mehr zu ernäheren. Wohl weil der Bebauer zuviele waren, und die Güter durch demokratische Erbteilung zerstückelt worden waren.
Das waren dann die Gastarbeiter, mit denen wir Links-Radikalinski anfangs der siebziger Jahre in der Schweiz fraternisierten. Aber ich denke, die Genossen, mit denen wir gemeinsam "abajo el trabajo" skandierten, kamen eher aus urbanen Zusammenhängen.
Nun kommt dieser oder jener von Madrid, Bilbao oder meinetwegen auch Schwammendingen wieder zurück, um auf einem Grundstück, das ihm geblieben ist, ein öde gestaltetes Wohn- oder Ferienhaus aufzustellen. Nur Katharina und Marianne, las chicas aus Zürich, geben sich die Mühe, überkommene reichhaltige Bausubstanz zu erhalten und mit viel Liebe zu restaurieren.
Der Nachbar zur Hauptstrasse hin geht mir ganz speziell auf den Wecker, weil er seine Scheusslichkeit von einer Baute von zwei Bullterriers bewachen lässt. Derweil hat es darinnen sicher nicht mehr als ein zerfleddertes Reader's Digest und ein paar leere Bierflaschen.
In dem Buch ist auch von einem guten Hirten und Poeten, Julio de Villacián, die Rede, der Gedichte geschrieben und García de Lorca, Antonio Machacho und Ramon José Senders „Requiem por un campesino“ gelesen hat.
In Villacián hatten die Leute Übernamen. José González hiess „el rápido“, Teodoro Llanos „el chaparro“, Zwergeiche, und Daniel Anguló „Mussolini“. Das war in Flums nicht anders: Da gab es z'Chrüzmes, diejenigen, die beim Kreuz wohnten, ds Züze, denen man so sagte, weil einer der ihren sich mal versprochen und anstatt „Chrüz“ „Züz“ gesagt hatte, und einer meiner Schulkameraden hiess „Nasser“, weil er so auffallend dem ägyptischen Potentaten glich.
Dann lese ich kleine rote Früchte auf, von denen uns nicht klar ist, um was es sich eigentlich handelt. Sind es Pflaumen? Oder Mirabellen? Und was überhaupt sind Mirabellen?
Egal, aufgelesen und auch entsteint müssen sie werden, und Irene verkocht sie zu Konfitüre, deren eine Hälfte billige Mitbringsel abgibt, und die andere Hälfte sehr wahrscheinlich verschimmeln wird.
Bei der ganzen Arbeit werde ich von der Frage gequält, was wohl GC macht, da es in ganz Merindades keine ausländischen Zeitungen zu kaufen gibt, bis mir in den Sinn kommt, dass ich ja gar nicht mehr GC-Fan bin, seit sich dieser noble Club nicht entblödet hat, einfach niemand an die Beerdigung meines Jugendidols, Charly Elsener, ehedem Torhüter von Grasshoppers und der Nationalmannschaft, zu entsenden.
Montag, 6. September
ETA unterbreitet Waffenstillstandsangebot.
Wanderung bei San Zadornil durch Kiefern-, Kastanien- und Buchenwald. Der Weg ist von luxuriöser Breite. Auch nach stundenlanger Wanderung kommen wir nicht aus dem Wald heraus.
Beim Picnic an einer Wegbiegung stösst Irene plötzlich einen markerschütternden Schrei aus und grummelt dann was von einem Ast zwischen ihren Beinen, von dem sie gemeint habe, es sei ein Tier.
Lasse Irene in San Millán zurück und gehe alleine nach Zadornil, um die dort abgestellte Karosse zu holen. Auf dem Weg werde ich von Hunden verfolgt und tüchtig verbellt. Mache mir Sorgen um meine Gefährtin, die mit Hunden nicht immer auf gutem Fusse steht. Verfalle deswegen in Eilschritt und keuche mir beinahe die Lunge aus dem Leib. Zu Zeiten konnte ich zwölf Stunden am Tag laufen, ohne müde zu werden. Das ist jetzt ganz eindeutig nicht mehr so. Als ich mit dem Auto in San Millán angebraust komme, hat sich Irene von Einheimischen ein kühles Bier kredenzen und es sich gut gehen lassen, während ich mir imaginäre Sorgen gemacht habe. Selber schuld!
Apéro in der Bar Juanma in Yusoville. Über der Bar läuft auf einem Grossbildschirm ein Machwerk von einem Film über kopulierende und Tiere reissende urweltliche Echsen.
Dienstag, 7. September
Guggenheim-Museum in Bilbao, wo es viel zu gucken gibt. Noch selten, wenn überhaupt jemals, ein Gebäude gesehen, das so wenig wie ein Gebäude aussieht. Fliessende, vegetativ wuchernde Formen, mehr eine Skulptur als ein Gebäude, eingekleidet in schimmernde, wellige Titanium-Platten. Vor dem Eingang sitzt ein riesiger Jeff Koons Terrier-Welpe, ganz von blühenden Blümlein bedeckt, und strahlt in der abgewirtschafteten Stahl- und Schiffsbau-Stadt Bilbao knuddelig-kuschelige Zuversicht aus.
Der kanadisch-amerikanische Skulptural-Architekt des Museums hiess ursprünglich Ephraim Goldberg. Aber seiner ersten Frau war das zu jüdisch. Es würde mich wunder nehmen, wie dieser auf Gehry kam, was doch irgendwie schweizerisch klingt.
In einem Heft über den Museumsbau sind erste Skizzen Gehrys abgebildet. In dem Beschrieb heisst es, er habe dabei eine Technik benützt, die automatischem Schreiben nahekomme. Tatsächlich sehen diese Skizzen wie Kinder-Gekrabbel aus. Mind boggling! Daraus hat der Künstler dann einfache Formen zu entwickeln gesucht, die den Eindruck von Bewegung vermitteln, eine Art subtiler Energie. Solche Formen habe man zu Zeiten vermieden, weil es unmöglich gewesen sei, sie baulich zu realisieren. Ohne den Einsatz des Computers hätte der Bau Jahrzehnte in Anspruch genommen. Alle Versatzstücke der komplexen Metall-Struktur sind vor ihrer Produktion zuerst von einem elektronischen Programm kalibriert worden.
Über Frank Lloyd Wrights Guggenheim-Museum in New York schrieb ein Architekt, die Grandezza der Konzeption dieses Baus gleiche die Irrungen der modernen Kunst aus und vermittle dem Besucher das unvergessliche Gefühl, in einem von einem Menschen geschaffenen Universum gelebt zu haben – wenn auch nur für einen flüchtigen Moment.
Das gleiche gilt zweifelsohne auch für Wrights fernen Nachfahren Frank O. Gehry und dessen Guckenheim-Filiale in Bilbao.
Mehr als jeder Architekt habe ihn jedoch der rumänische Skulpteur Constantin Brancusi beeinflusst, hat Gehry zu Protokoll gegeben. Das wird offensichtlich, wenn man in das 50 Meter hohe Atrium tritt. Emporstrebende Glaslifte und Treppentürme, geschwungene, aufgehängte Gangways evozieren auch im Innern Organisch-Lebendiges.
Nebst aller hochfliegenden künstlerischen Ambition erfüllt der Bau aber durchaus seine Funktion, nämlich auf drei Etagen in neunzehn Gallerien Werke moderner Kunst zu präsentieren. Doch diese haben es nicht einfach, unter den Fittichen der sie begluckenden Gehry-Diva zu bestehen. Vermögen tut dies – meiner unmassgeblichen Meinung nach – das Monumentalwerk „The Matter of Time“ eines anderen Kaliforniers, Richard Serra.
Die tiefgreifendste Zäsur in der Geschichte der Skulptur besteht darin, dass diese im 20. Jahrhundert vom Sockel genommen worden ist. Das hat deren Wahrnehmung entscheidend verändert.
(Interessante Frage: Wer hat dies zuallerst bewerkstelligt?)
Serras „Snake“ und dessen sieben weitere Auftragsarbeiten für das Museum wollen begangen sein. Erst dadurch erschliesst sich dem Kunstbeflissenen deren Bedeutung. Beim Gang durch die von konkaven und konvexen ca 4 Meter hohen Metall-Platten gebildeten Elipsen, Spiralen und Schlangen verändern sich die Räume auf überraschende Weise, bevor man noch weiss weshalb. Das Kunstwerk wird nicht angeschaut und allenfalls enträtselt, sondern erfahren. Serra hat denn auch verlauten lassen: Seine Arbeiten hätten mit Gehen und Schauen zu tun. Aber er könne natürlich den Leuten nicht sagen, wie sie zu gehen und zu schauen hätten!
Die sinusoide ca. 32 Meter lange „Schlange“ besteht aus sechs Stahlplatten, die zu Paaren zusammengestellt, drei parallele Elemente bilden. Diese neigen sich kontinuierlich, aber in verschiedene Richtungen.
Die so gebildeten zwei Passagen – eine davon gegen oben sich weitend, die andere sich verengend – schaffen damit zwei verschiedene Raumerlebnisse. Faszinierend!
Schon die Produktion, der Transport und die Installation des Serraschen Werkes an sich müssen ausserordentliche Spektakel gewesen sein. Die in Siegen in den Arcelor-Werken gefertigten Stahlplatten wiegen nämlich zusammengenommen ungefähr 1000 Tonnen! In Bilbao mussten diese auf den Zehntelsmillimeter genau zusammengestellt werden. Jede der acht Skulpturen besteht aus mehreren, verschieden geformten Elementen, die zusammengestellt nur durch ihr eigenes Gewicht aufrecht gehalten werden. Dazu mussten deren Biegungen von Ingenieuren sorgfältig berechnet werden. Die grösste Herausforderung des Transportes soll darin bestanden haben, die Platten durch den engen Eingang zur Gallerie zu lavieren. Da sei es um Zentimeter gegangen. Mit Luftkissen-Maschinen seien dann die Elemente an ihre Plätze verbracht worden. Das sei nichts weniger als magisch gewesen. Und mittendrin Serra, der sie auf den Millimeter genau aneinandergefügt habe. Zuerst seien die Platten schön grau gewesen. Das Einzigartige an dem verwendeten Stahl aber sei, dass er natürlicherweise roste und sich dadurch eine Schutzschicht zulege. Über orange würden die Platten schliesslich bernsteinfarben.
16 Millionen Euro kostete das ganze Werk.
Mittwoch, 8. September
Jeden Morgen stellt Irene einen Emailteller mit wasserverdünnter Milch und Brotbrocken vor die hintere Küchentüre. Zuerst ist immer die Milch weg. Mit der Zeit hat es dann auch keine Brotbrocken mehr. Das Angebot ist eigentlich für Princesa, eine äusserst scheue Katze gedacht, die wir jedoch „Läppli“ nennen. Zuletzt aber ward Läppli nicht mehr gesehen, dafür ein fetter Tiger mit abgerissener Backe und ein schwarz-weisses Katzentier. Ob diese Ganoven Läppli den Napf streitig gemacht haben? Das wäre uns gar nicht recht.
Weltmeisterschafts-Revanche: Argentinien schlägt Spanien 4:1
Wir grasen mit dem Toyota-Tsunami halb Merindades ab. Zuerst geht es nach Espinosa de los monteros, einem Städtchen an den südlichen Ausläufern des kantabrischen Gebirges. Morgens um zehn ist da noch nicht viel los, wenn überhaupt je. Espinosa soll der Geburtsort von Miguel de Espinoza, dem Vater des Philosophen Baruch Spinoza sein.
Wir fahren durch das Hinterland auf den Portillo de Lunada (1350m). Da wird im Winter Ski gefahren.
In Spanien heissen die Viehroste „pasos canadienses“.
Bei der Ermita de San Tirso y San Bernabé können wir uns nicht entschliessen, uns einer Führung durch die Höhlen und die Felsenkirche anzuschliessen.
In Puentedey, der Brücke Gottes, inmitten einer reizvollen Landschaft hat der Fluss sich einen bogenförmigen Durchgang durch eine Felsformation gefressen, was nun wie eine Brücke aussieht.
In Villarcayo, der Hauptstadt von Merindades treten wir in eine grossräumige Bar. An den Wänden hängen Stierkampf-Paraphernalia und -Fotos, die wir interessiert in Augenschein nehmen. Der Barista bringt mir eine Capa, mit welcher ich mich vor einen an der Wand angebrachten Kopf eines Stieres zu stellen habe, damit Irene ein Foto schiessen kann. Die Capa ist überraschend schwer. Gebe mir Mühe, gute Figur zu machen. Zum Abschied bekommen wir ein Stierkampf-Plakat geschenkt.
Wieder unter dem Nussbaum: Sirius soll in der Theosophie eine zentrale Rolle spielen, wo er als Energie-Zentrum und kosmisches Equivalent zum dritten Auge des Menschen beschrieben wird, das grossen Einfluss auf unser Sonnensystem und die Erde haben soll.
Frage mich, ob der Sirius der Himmelskörper ist, der andernorts als Zentralsonne bezeichnet wird?
Alice A. Bailey: "First and foremost is the energy or force emanating from the Sirius. If it might be so expressed, the energy of thought, or mind force, in its totality reaches the solar system from a distant cosmic center via Sirius. Sirius acts as the transmitter, or the focalizing center whence emanates those influences which produce self consciousness in man."
Donnerstag, 9. September
Morgenspaziergang über abgeerntete, von Strohburgen beherrschten Felder. Es ist still wie in einer Kirche unter der Woche. Jäger patroullieren mit geschulterten Gewehren. Was die wohl für Böcke schiessen mögen? Hunde tollen über die Stoppelfelder. Wundere mich, dass es sie nicht in die Pfoten piekst. Als ich einem der Jäger begegne, sehe ich, dass dieser ein paar anämische Wachteln am Gürtel baumeln hat. Dazu also sind die mit Automobilen unterwegs, bewaffnet mit Gewehren und Mobiltelefonen.
Wenn das nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen ist!
Laufe an Sonnenblumen- und Kartoffelfeldern entlang.
Fresno mag wohl zu Zeiten Ambitionen gehegt haben. Es hat hier nämlich einen grösseren Parkplatz. Zerschepperte Strassenlampen säumen einen Strassenzug.
Wenn ich in diesen Kläffköterkäffern wie Villalambrús, Fresno de Losa, oder Burriga ein Haus passiert habe, stehen die Dörfler breitbeinig auf die Strasse und schauen mir nach.
Grosse Tafeln zeigen an, wo mit europäischem Geld Entwicklungshilfe betrieben wird.
Unter dem Nussbaum:
Das letztendliche Ziel jeder organisierten Religion war immer soziale Kontrolle.
Worin aber bestand die Botschaft des Christentums, welche dieses zu einem solchen Erfolg als staatlich sanktionierte Religion (Kaiser Konstantin!) machte, die Autonomie des Individuums beschnitt und für Jahrhunderte intellektuellem, wissenschaftlichem und kulturellem Fortschritt Einhalt gebot?
Die christliche Botschaft besagt, dass wir alle geborene Sünder seien und nur durch Gottes Gnade lebten und dass unsere einzige Hoffnung im Versprechen von Glückseligkeit nach dem Tode bestehe, vorausgesetzt wir unterwerfen uns dem Diktat des Klerus.
Von den 56 Männern, die die amerikanische Unabhängigkeits-Erklärung unterschrieben haben, waren 50 Freimaurer, darunter Thomas Jefferson. Und von den 55 Mitgliedern der Versammlung, welche die amerikanische Verfassung entwarf, gehörten ebenfalls 50 dem esoterischen Untergrund maurerischer Logen an!
Stapfe gegen Abend zu dem Geisterdorf Villota oberhalb von Villacián.
Freitag, 10. September
Nationalpark Monte Santiago: Im Cañón del Nervión schweben Buitre leonado, Aasgeier, Alimoche, Schmutzgeier, und Vencejo común, Mauersegler.
Bei der Wolfsgrube mit den überlebensgrossen Figuren prügelschwingender Bauern, die einen Wolf hetzen, begegnen wir einem vollgerüsteten Wandersockenpaar mit Hund. Dem armen Kerl von einem Vierbeiner haben sie Sacochen über den Rücken gelegt.
Versuche spanische Zeitungen zu lesen: Seit dem Jahr 2000 sind in Spanien bei Stierläufen (encierros) 39 Personen zu Tode gekommen. Gemäss dem spanischen Innenministerium werden jährlich ungefähr 5'900 festejas taurinos populares, Stierkampf-Volksfeste, durchgeführt.
In Yusoville scheint es sich um das Wochenende der Fiestas patronales sul dulce nombre de Maria zu handeln. Eine Bühne ist aufgestellt. Den Platz bei der Kirche umstehen ein paar Stände.
Gegenüber der Bar Juanma wird ein Campionata de Petanca abgehalten. Mit Holz-Kugeln so gross wie Fussbälle wird nach drei Bahnen aufgestellter Stecken geworfen. Es scheint in Spanien verschiedene Abarten des Boulesportes zu geben.
Wir genehmigen uns in der Bar je ein Glas Roten. An einem Tisch spielen vier von Kiebitzen umstandene Sancho Panzas lautstark Karten. Daneben spielt ein älteres Paar Tschau-Sepp ohne je ein Wort miteinander zu wechseln. Erspielte Punkte äufnen sie mit Steinchen. Als das Spiel zu Ende ist, erheben sie sich ohne weitere Umstände und verlassen ebenso wortlos wie sie gespielt haben das Etablissement.
Es gibt keine Wahrheit, hat der amerikanische Dichter Jim Harrison gesagt, nur Geschichten.
Samstag, 11. September
Versuche wieder mal Cervantes „Don Quijotte“ zu lesen, obwohl mir Rabelais' „Gargantua et Pantagruel“ mehr zusagt.
Besonderen Spass macht mir das Kapitel des Bücherausmistens, denn es sind ja all die Ritter-Schundromane, die unseren ehrenwerten Hidalgo in seine chevaleresken Hirnverbranntheiten gejagt haben. Die Nichte und die Haushälterin wollen da kurzen Prozess machen und dessen Bibliothek in toto auf den Hof runterwerfen und verbrennen. Meister Nicolás, der Barbier, und der Pfarrer gehen jedoch differenzierter vor und scheiden die Spreu vom Weizen, das heisst behalten die lesenswerten Bücher auf.
Das geht folgendermassen: "Als erstes reichte ihm Meister Nicolás „Die vier Bücher des Amadis von Gallien“, und der Pfarrer sagte: "Da hat, wie mir scheint, die Vorsehung ihre Hand im Spiel, denn ich habe gehört, dies hier ist der erste Ritterroman, der in Spanien gedruckt wurde, und folglich Quelle und Ursprung aller anderen. Als Dogmatiker einer so üblen Sekte sollten wir ihn darum gnadenlos zum Feuer verdammen."
"Aber nein", sagte der Barbier, "ich habe gehört, es soll das beste Buch dieser Art sein. Und als das vornehmste in seiner Kunst muss es begnadigt werden."
"Das ist wahr", sagte der Pfarrer, "also will ich ihm vorerst das Leben schenken. Schauen wir uns seinen Nachbarn an."
"Da haben wir", sagte der Barbier, "„Die Ruhmestaten des Esplandian“, rechtmässiger Sohn des Amadis von Gallien."
"Nun", sagte der Pfarrer, "die Trefflichkeit des Vaters soll dem Sohn nicht zugute kommen. Hier, Frau Haushälterin, öffnet das Fenster, und hinaus damit in den Hühnerhof, das soll der Grundstein unseres Scheiterhaufens sein.""
Undsoweiter durch die ganze Bibliothek. Sehr vergnüglich.
Cervante's best:
"Mancher geht nach Wolle und kommt geschoren zurück."
Sonntag, 12. September
Wir beschliessen, es noch einmal mit einer Corrida zu versuchen und nach Aranda de Duero zu fahren, obwohl dies nicht gleich um die Ecke ist. Nach Burgos ist es gut und gerne eine Stunde und von dort nach Aranda dürfte es noch einmal so weit sein.
In Burgos besuchen wir die gotische Kathedrale, in welcher der spanische Nationalheld El Cid und seine Frau Jimena begraben sind. Ein kleiner Bummel unter schattigen Platanen im Angedenken dessen, dass Franco zu Zeiten in Burgos seine Basis hatte. Zu mehr reicht es nicht.
In Aranda sind wir rechtzeitig, um das mindeste zu sagen. Ausgedehnter Bummel durch die Altstadt. Aranda ist die Hauptstadt des wegen seines Weines bekannten Bezirkes Ribera del Duero. Die ganze Altstadt soll mit Bodegas unterkellert sein.
In einem Laubengang kann sich ein sturzbetrunkener Cowboy nur an den Zügeln seines Pferdes aufrecht halten. Trotzdem knallt es ihn auf den Asphalt. Der Gaul wundert sich, was er sich da für einen Hampelmann von Reiter aufgeladen hat.
Ein wenig ausserhalb der Stadt hat es eine imposante Stierkampf-Arena. Die Corrida findet jedoch in einer unweit davon aufgestellten Arena portatil statt, die sich dann zu etwa einem Viertel füllt. Also die gleiche Tristesse wie eine Woche zuvor und dies obwohl auch ein Einheimischer antritt, Jesús Martínez Barrios, genannt „Morenito de Aranda“.
Irene gefallen die eleganten Bandilleros, die zur Schwächung des Stieres diesem Banderillas in den Nacken setzen. Banderilleros rekrutieren sich aus von auf der Strecke gebliebene Matadores.
Es ist immer wieder erregend mitzuerleben, wenn eine halbe Tonne Stier in das Arenarund prescht. Ich kann ohne weiteres verstehen, dass man vor der Attacke eines solchen Pampa-Protzes Reissaus nimmt. So geschehen im Juni in Mexiko, als Christian Hernández – in gleissendem Gold und Pink – der einen Monat zuvor bereits was abbekommen hatte, vor einem Stier davonrennt, die Capa sausen lässt und sich mit einem Sprung über die Balustrade in Sicherheit bringt. Zu der ganzen Schmach kam dann noch hinzu, dass er wegen Vertragsbruchs auf den Polizeiposten verbracht wurde.
Und dann soll es solche Hazardeure geben, die sich in gerader Linie vor das Tor knien, durch welches der Stier eingelassen wird, diesem zurufen, und die Capote schwingen. Der Stier stürmt auf den Matador zu und setzt über diesen hinweg!
Ich habe mich immer gewundert, warum die Stiere nie auf den Mann gehen, sondern sich stets auf das rote Tuch stürzen. Nun habe ich gelesen, dass Kampfstiere nie zuvor einen Menschen zu sehen bekommen. Auf der Weide nähere man sich diesen nur im Auto oder zu Pferde. Die Tiere sollen keinen irgendwie gearteten Begriff von einem Menschen, diesem Wesen auf zwei Beinen, haben – ihrem eigentlichen Feind und nicht das rote Tuch, auf dessen ruckartige Bewegungen sie reagieren.
Und dann ist es schon so, dass durch die Verletzung des Nackenstranges die Stiere einen grossen Blutverlust erleiden und kaum noch in der Lage sind, ihre mächtigen Schädel mit den spitzen Hörnern zu heben.
Der Todesstoss soll nicht einfach anzubringen sein. Der Punkt sei nur handtellergross, wo das Schwert zwischen den Schulterblättern an der Wirbelsäule vorbei in die Eingeweide eindringen könne, wo es im Idealfall eine Hohlvene zerschneide. Sehr oft springe das Schwert von einem Knochen ab oder dringe nur zur Hälfte ein und müsse dann vom Matador unter den Schmährufen des unbarmherzigen Publikums wieder herausgezogen werden.
Besonders tapfere Stiere könnten auch begnadigt werden!
Zeitig sind wir wieder auf der Autobahn und haben gute Aussichten noch zu christlicher Zeit wieder zu Hause zu sein. Vor Burgos geraten wir jedoch zu verschienen Malen in Staus. Unglaublich, wer da alles an einem Sonntagabend um zehn noch unterwegs ist.
Um halb eins sind wir zu Hause. Zu Hause ist da, wo das Pijama auf einen wartet.
Montag, 13. September
Claude Chabrol gestorben.
Auf die Bank nach Medina de Pomar.
"Da liegt der Hund begraben", antwortete Sancho, "dass ich ohne zu träumen, sondern wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau wurde, als mein Herr Don Quixote."
Gurdjieff hat mal – wenn ich mich richtig entsinne – bei einer Gelegenheit geschrieben, er habe den Hund tief vergraben. Dann wurde moniert, er sei da wohl einer Verwechslung anheimgefallen und habe den Knochen gemeint.
Dienstag, 14. September
Noja: Sandstrand mit Lavagestein, umstanden von bewaldeten Hügeln. Hängebäuche drücken sich vor dem Wind an das Strandgemäuer. Unterforderte Hausfrauen, braungegerbte Rentner, ihre Geschlechtsteile durch den Sand schleifend, sowie Irene und ich machen die Belegschaft aus.
Bin nun schon in der Lage ganze Zeitungsartikel zu lesen, wie zum Beispiel diesen: La princesa habla con los muertos. Die Prinzessin, die mit den Geistern redet. Es handelt sich um Märtha Louise von Norwegen, der ältesten Tochter von König Haakon V. und Königin Sonja. Sie ist mit dem Schriftsteller Ari Behn verheiratet. Märtha arbeitet hauptsächlich als Geistheilerin und hat das Zentrum „Astarte Education“ gegründet, an welchem Kurse für Handauflegen und Selbstheilung gegeben werden. In dem Zentrum werden auch Kinder angeleitet, mit ihren Schutzengeln zu sprechen. Dafür ist sie von den Medien und auch Kirchenvertretern scharf kritisiert worden.
Auf dem Rückweg fahren wir über den Puerto de Alisas (674 Meter), von welchem man einen wunderbaren Blick runter auf Santander hat. Und dann gilt es natürlich auch noch den Los Tornos zu bewältigen.
Mittwoch, 15. September
Letzte Wanderung im Losa-Tal. Steige bei Villalambrús auf die Anhöhe, auf welcher Pferde und Kühe weiden. Bei San Martin de Losa wieder runter.
Gleichentags putzen wir das Haus, packen unsere Sachen zusammen und fahren nach Vitoria-Gasteiz (Vitoria ist der spanische Name, Gasteiz der baskische!)
Donnerstag, 16. September
Auf der Autobahn über Bayonne, Pau, Tarbes nach Toulouse. Steak Haché und Pommes mit Mineralwasser in einer Raststätte.
Im Hotel „Garonne“ unweit des Pont Neuf ist der Rezeptionist sehr freundlich, gewährt uns einen Spezialpreis und leiht uns einen Schirm für den Stadtrundgang.
Freitag, 17. September
Irene macht sich auf die Jagd nach Wildlederstiefeln.
Ich besuche das Musée des Augustins, von dem mir rein gar nichts in Erinnerung geblieben ist.
Im Innenhof des Museums lese ich den „Blick“: Ein Amokschütze hat Biel heimgesucht.
Irene hat ein chüschtiges Lokal des Namens „Le Mangevins – bouchon toulousain“ für das Abendessen ausgespäht. Zu ihrer grossen Enttäuschung ist es ausgebucht. Wir halten uns anderweitig schadlos.
Samstag, 18. September
Drücke auf das Gas: über Brive, Clermont, Lyon nach Genf. Unterhaltsam und gar aufregend wie immer die Mautstationen. Es gibt da die verschiedensten Zahlmöglichkeiten. An einem Ort hat es ein Netz, in welches man die Münzen zu werfen hat. Tatsächlich hebt sich die Schranke darauf hin.
Um halb zehn sind wir zu Hause.
Als wir die Schweiz verlassen haben, war es noch Sommer. Jetzt spielen sie schon wieder Eishockey.
Nachsatz von Jorge Luis Borges:
"Könnte ich mein Leben nochmal von vorn beginnen, würde ich versuchen mehr Fehler zu machen. Ich würde albern sein, würde ganz locker werden, nur noch ganz wenige Dinge ernst nehmen. Ich würde entschieden verrückter sein und weniger korrekt. Ich würde mehr Gelegenheiten beim Schopf ergreifen und öfters auf Reisen gehen. Ich würde mehr Berge ersteigen, mehr Flüsse durchschwimmen und mehr Sonnenaufgänge auf mich wirken lassen. Ich würde mehr echte Probleme und weniger eingebildete Nöte haben.
Nun, ich hatte meine verrückten Augenblicke, aber wenn ich nochmal von vorn anfangen könnte, würde ich mehr verrückte Augenblicke haben. Genau gesagt: Einen Augenblick nach dem andern, und keine Pläne zehn Jahre zum voraus!"