Freitag
Sitze in Heathrow beim Gate A64 und wundere mich, was ein Mensch mit amerikanischem guttural-sonorem Stimmorgan in einem ununterbrochenen, cirka 20-minütigen Monolog in sein I-Phone zu sagen hat. Wahrscheinlich doch nur, was er gestern und vorgestern und vorvohlrgestern zu Abend gegessen hat.
Dann erheben sich 400 Tonnen in die Lüfte, was mir auch Ende des Jahres 2008 noch ein absolutes Rätsel ist. Und dass diese Boeing 747-400, gemeinhin Jumbo-Jet genannt, mit 900 km/h durch die Lüfte düsen und non-stop einen Drittel um den Erdball zurücklegen kann, macht die Sache auch nicht verständlicher. Und dies obwohl ich jeden Tag die Zeitung durchblättere und sicher schon an die zehntausend Bücher gelesen habe.
*
Für die katholische Kirche ist die Fähigkeit der Levitation einer Person ein Indiz seiner Heiligkeit, aber möglicherweise auch für deren dämonische Bessessenheit. Über 230 Heiligen wird diese Fähigkeit zugesprochen. Der bekannteste unter ihnen dürfte der fliegende Frater Joseph von Copertino (1603-1663), ein Franziskanermönch, sein. Prinzessin Maria von Savoyen und König Johann II. Kasimir von Polen legten einen Schwur darauf ab, sie hätten gesehen, wie der Mönch in der Luft geschwebt sei.
Die Blütezeit der Levitationslehre in Europa war im 15. bis ins 18. Jahrhundert. In England und Russland praktizierten Adlige auf ihren Schlössern Levitationsabende.
Levitation ist auch die zweite Stufe des yogischen Fliegens. Die erste Stufe besteht darin, im Schneidersitz auf und ab zu hüpfen. Bis dato wurde nur diese Stufe nachweislich erreicht.
In neuerer Zeit soll Daniel Dunglas Home (1833-1886) in London aus einem Fenster im dritten Stock und durch ein anderes wieder in dasselbe Haus geflogen sein. Obwohl die englische Königin, Mark Twain, William Makepeace Thackeray, John Ruskin, Edward Bulwer-Lytton und auch William Crookes, Präsident der Royal Society, die Flugkünste Homes bezeugten, steht man diesem dennoch skeptisch gegenüber. Die Ausbildung von Wissenschaftlern habe keinen Einfluss darauf, wie leicht sie hereinzulegen seien, heisst es etwa.
*
Neben mir sitzt ein Jumbo von einem Mann, der sich jedoch jede Mühe gibt, meinen Sitzraum nicht zu invadieren und seinen Arm zumeist über seinen immensen Bauch gelegt hält. Er liest in einem Aviatik-Heftchen und träumt möglicherweise von Schwerelosigkeit.
Um den beengten Platzverhältnissen in dem Elefantentransporter zu entfliehen, meditiere ich die meiste Zeit.
Nach elf Stunden Flugzeit landet das Flugzeug in San Francisco.
Beim Autovermieter vergeht geraume Zeit bis ich mich zurechtfinde. Meine gebuchte Grösseklasse, "Economy", die billigste, scheint es gar nicht zu geben. Dann also ist es ein "Compact". Von den geparkten Wagen dieser Preisklasse kann ich mir einen aussuchen. Meine Wahl fählt auf einen silbergrauen "Kia". Mit diesem fahre ich ohne Orientierungshilfe los, was noch allemal ein Fehler gewesen ist. Nachdem ich eine Weile auf gut Glück herumgekurvt bin, kaufe ich dann doch in einem Supermarkt eine Strassenkarte. Nach fünf Uhr wird es jedoch schon dunkel, und so steige ich in einem "Mariott" in San Mateo ab. San Mateo ist einer der grösseren Suburbs von San Francisco, in dessen Norden sich der internationale Flughafen befindet.
Im Zimmer hat es einen Riesenbildschirm mit Super-Bildauflösung, so dass man den Eindruck bekommt, Robert de Niro als Insasse einer psychiatrischen Anstalt hocke bei einem in der Stube.
Samstag
Schon vor vielen Jahren, zu Zeiten von Reaganomics, hatte San Francisco das Problem, dass Obdachlose von auswärts in die liberale Stadt einströmten. Daran scheint sich zwischenzeitlich nichts geändert zu haben.
Im Jahre 2005 sind 2'655 Obdachlose in der Stadt gezählt worden. Seit 2004 hat die Stadt mehr als 5'000 von ihnen untergebracht, unter anderem in sogenannten homeless units. Im Jahre 2007 hatte es jedoch trotz diesen Bemühungen wieder 2'771 Leute auf der Strasse, die kein Zuhause hatten.
So steht es im "San Francisco Chronicle", den ich während des Frühstücks lese. Dann fahre ich in meiner koreanischen Karrosse gen Süden. Im Seacliff State Park mache ich einen Zwischenhalt. In Monterey wandle ich durch das putzige Städtchen und esse in Fisherman's Wharf ein Sandwich. Dann packt mich die Abenteuerlust und ich fahre auf meinen eigenen Spuren den Big Sur runter. Ich kann mich überhaupt nicht mehr in Zusammenhang mit der Person bringen, die vor vielen Jahren hier auf dem Velo runterpedalt ist. Auf dem Küsten-Highway Number 1 geht es nämlich 100 Kilometer unerbittlich rauf und runter. Wie ich das anno dunnemalen geschafft habe, ist mir ein Rätsel. Vor allem kann ich nicht mehr nachvollziehen, warum ich da einfach durchgefahren und nirgends geblieben bin. An die Seelöwen, die am Fusse der Klippen auf das Meer hinausgrochsen, kann ich mich noch gut erinnern.
In San Simeon brauche ich nicht zum Schloss des exzentrischen Zeitungsverlegers Hearst raufzufahren. Das habe ich schon zu Zeiten als Velocipedist besucht. Das Teuerste und Rarste, was sich an Kunst- und Einrichtungsgegenständen finden liess, ist im Hearst Castle zu einem (Alb-)Traum von einem amerikanischen Schloss zusammengeknetet!
Als es dunkel wird, komme ich in San Luis Obispo an und checke in ein Motel ein. Zum Abendessen Cajun-Küche.
Sonntag
1937 fiel in den USA ein 17jähriger Junge namens Joe Brandt unglücklich vom Pferd und hatte während des anschliessenden Aufenthaltes im Spital mehrere Träume seherischen Charakters. Der nachfolgende Text ist stark gekürzt:
“Ich schien mich in Los Angeles zu befinden, aber es war nicht zur jetzigen Zeit, denn es war viel, viel grösser. Die Busse und merkwürdig geformte Autos füllten die Strassen der Stadt.
Da waren viele Männer in meinem Alter, aber sie hatten Bärte und manche von ihnen trugen Ohrringe. Alle Mädchen trugen kurze Röcke. Ich fragte mich, welches Jahr es war. Es war zeifellos nicht 1937. Ich sah eine Zeitung an der Ecke mit einem Bild des Präsidenten. Es war nicht Roosevelt. Er war grösser, gewichtiger und hatte grosse Ohren. Ich schaute auf zur Uhr unten an dem grossen Theater. Es war zehn vor vier am Nachmittag. Es war eher am Anfang des Frühlings. Und dann kam es. Und wie es kam – wie nichts in Gottes Welt, wie nichts... Dann sah ich – es schien so, dass die Mitte des Boulevards in zwei Stücke brach. Ich war über der Stadt. Sie neigte sich in Richtung Ozean wie das Hochklappen eines Picknicktisches. Da sah ich die Strassen von Los Angeles und alles zwischen Los Angeles und den San Bernardino Bergen kippte zum Ozean hin. Diese Hand-Radio-Bediener, die immer wieder dieselbe Sache sagten:”Hier ist Kalifornien, wir versinken im Meer, wir versinken im Meer...””
Der neugewählte amerikanische Präsident – der 44. – Barack Obama wurde in der Schule wegen seiner Segelohren als "Dumbo", der Elefant, gehänselt!
Robert Burton hat zu Zeiten den Fall Kaliforniens für das Jahr 1998 vorausgesagt.
Auch der schlafende Prophet Edgar Cayce sah Kalifornien untergehen: “Sobald der Vesuv und der Mont Pelé (auf Martinique) grössere Aktivität zeigen, steht der Südküste Kaliforniens und den Gebieten zwischen Salt Lake und dem südlichen Teil Nevadas innerhalb der folgenden drei Monate eine Überschwemmung bevor, verursacht durch Erdbeben.”
Und in der Centure IX;83 des Nostradamus steht:
“Die Sonne zwanzig vom Stier,
so stark zittert die Erde,
dass das grosse gefüllte Theater zerstört wird.
Die Luft, der Himmel und die Erde verdunkeln sich und sind aufgewühlt.
Selbst die Ungläubigen werden Gott und die Heiligen anrufen.”
“Die Sonne zwanzig vom Stier” wird astrologisch als “Sonne 20 Grad im Stier” interpretiert, so dass sich dafür der 10./11. Mai ergibt – also Frühling.
Mit dem grossen Theater könnte durchaus Kalifornien oder insbesondere die Medienmetropole Los Angeles (Hollywood) gemeint sein.
Doch man braucht gar nicht die nicht immer so zuverlässigen Propheten zu bemühen. Schon vor Jahren, als ich mich in Kalifornien aufhielt, war in den Zeitungen zu lesen: “Expecting the Big Bang”. Und US Geological Survey titelt “Big Quake long overdue”! Gemäss Robert Burton nun seit elf Jahren!
In Westkalifornien laufen zwei tektonische Erdplatten zusammen, die den sogenannten "Sankt Andreas Graben" bilden. Dieser trennt das westliche Kalifornien vom östlichen Teil. Neueren Studien zufolge ist die westliche Hälfte unterirdisch ziemlich hohl und würde bei einem schweren Erdbeben ins Meer absinken.
Auf alle Fälle habe ich in Kalifornien immer ein leicht mulmiges Gefühl und steige nie in mehrstöckigen Gebäuden ab.
*
Ich fahre via Paso Robles, Fresno und Oakhurst nach Modesto.
Die Fahrt über die Rolling Hills von Zentral-Kalifornien begeistert mich. Diese pathetische Weite mit ihren Farmen und Rinderherden sind das pure Gegenteil der kleingekammerten Schweiz.
Sonntagmorgen in Fresno bringt mich leicht in Verlegenheit, was ich da mit mir selbst anfangen könnte. Ich besuche das Metropolitan Art Museum, das eine Ausstellung über gefiederte Dinosaurier und den Ursprung des Fliegens anbietet. Die Skulpturen der Ur-Vögel sind beeindruckend. Dann fahre ich in die Foothills. Das Wetter verschlechtert sich und es beginnt zu regnen. Oakhurst, das südliche Tor zum Yosemite-Park ist in Regenschwaden gehüllt.
Aus Modesto kommen George Lucas, der daselbst "American Graffiti" gedreht hat, der Gründer der "Hells Angels", Sonny Barger, und der Schwimmer Mark Spitz. Ich steige in einem Motel ab und verköstige mich im Restaurant "Harvest Moon".
Montag
Die Nacht in der nicht eben billigen Absteige artet in eine Schlacht gegen Bedbugs aus. Des Morgens bin ich mit furchteinflössenden Schwellungen übersät. Ich bringe ein paar der zerquetschten Biester an die Reception. Das Fräulein dortselbst ist pflichtschuldigst "disgusted", sieht sich aber im weiteren keineswegs veranlasst, mich für das erlittene Ungemach in irgendeiner Form zu entschädigen.
Ich fahre nach Sacramento. Dort erstehe ich als erstes einen Strombuchsen-Converter, um mein Mobilphone aufladen zu können. Sowas sagt sich leicht, aber bis man in einer fremden Stadt den dafür richtigen Laden gefunden hat, braucht das schon seine Zeit. Vor einem Bürogebäude steht eine einsame Tippmamsell in der morgendlichen Kälte, die Hände um einen Kaffeebecher gekrallt und raucht eine Zigarette. An Gebäuden habe ich schon gelesen: “It is forbidden to smoke within 30 feet from the building.” Überhaupt erscheint mir Amerika als ein Land voll von Vorschriften.
Gebe einem Bettler einen Dollar. “Thank you, partner”, bedankt er sich.
Lese in der Zeitung, dass die türkische Firma, die den Schuh hergestellt hat, den ein Journalist anlässlich einer Pressekonferenz im Iraq Präsident George W. Bush an den Kopf geschmissen hat, hundert zusätzliche Arbeiter einstellen musste, um der stetig steigenden Nachfrage nach dem betreffenden Modell nachzukommen.
Der Beschuss von Bush war relativ harmlos, wenn man bedenkt, dass bis dato (Ende 2008) 4'213 Amerikaner im Iraq-Krieg ums Leben gekommen sind. 3'397 sind im Kampf gefallen, 816 weitere bei anderweitigen Unfällen.
In einem Kino läuft “Let the right one in”. Der Titel kommt mir bekannt vor. Endlich komme ich drauf, dass es sich dabei um den schwedischen Coming-of-Age-Vampir-Film handelt, dem wir (zwei Kolleginnen und ich) unlängst als Juroren in Neuenburg einen ersten Preis vergeben haben. Zwischenzeitlich hat Filmemacher Tomas Alfredson nicht nur den europäischen Horror-Filmpreis gewonnen, für den wir ihn nominiert hatten, sondern ist auch am Tribeca Filmfestival in New York oben aus geschwungen. Der Film basiert auf einem internationalen Bestseller. Das hatte ich nicht gewusst.
*
Bei "Barnes & Noble" kaufe ich "The Canterbury Tales" in einer Neu-Übersetzung in modernes Englisch von Burton Raffel. Die Geschichten von Geofffrey Chaucer sind ein Meisterwerk des Mittelalters, sehr lebendig und sehr lustig.
Die Liste der zehn besten Bücher, die ich im Jahre 2008 gelesen habe:
1. "Licht im August" von William Faulkner
2. "Wolkenatlas" von David Mitchell
3. "Eines Menschen Herz" von William Boyd
("Unruhig" ist noch besser, aber das habe ich schon 2007 gelesen.)
4. "Der Viehwaggon" von Georges Hyvernaud
5. "Narratorium" von Wolfgang Hohlbein
6. "Shantaram" von Gregory David Roberts
7. "Bloodriver" von Tim Butcher
8. "Funhouse" von Alison Bechdel
9. "Kind 44" von Tom Rob Smith
10. "Unter der Sonne Afrikas" von Alexandra Fuller
In der Shopping Mall, in welcher ich das Chaucer-Buch gekauft habe, stelle ich fest, dass ich definitiv ein Einbiege-Problem habe. Ich folge einer Hinweistafel zu einem WC, steige in einen Lift, fahre in den vierten Stock hoch und lande irgendwo in einem Niemandsland. Im Verfolg der Hinweistafel bin ich falsch, nämlich in den Lift, abgebogen. Das passiert mir auch beim Autofahren. Bei einer Verzweigung, biege ich zu früh ab und bleibe auf einem Waldweg stecken. Oder ich reihe mich in eine Kolonne von Autos ein und warte eine Viertelstunde bis ich merke, dass die Autos vor mir parkiert sind. Meine Frau Irene lacht sich jeweils krumm. Ich finde das aber alles andere als lustig: Ich habe ein Einbiege-Problem!
Beschliesse, mich schon heute auf den Weg nach "Apollo" zu machen und bis nach Marysville zu fahren. Extrem starker Verkehr um Sacramento herum. Autokolonnen wie Ameisenstrassen.
Dienstag
“Marysville – of all places in the world!”, bemerkte Renzo Hättenschwiler einmal, als wir uns an dem künstlichen See dortselbst tummelten. Tatsächlich ist Marysville nicht gerade ein glamouröser Ort. Zu Zeiten des Goldfiebers war die Stadt jedoch eine der grössten in Kalifornien. Über 10 Millionen Dollar an Gold wurden von da aus zur US Mint in San Francisco befördert. Die Gründer der Stadt stellten sich vor, Marysville – benannt nach einer von deren Frauen – würde sowas wie ein New York des Westens werden. Daraus ist ganz offenbar nichts geworden.
Als ich des morgens die dreispurige Autobahn überquere, um zum Frühstücksrestaurant zu gelangen, wird mir auch klar, warum die Amerikaner das Auto benützen, um beim Bäcker die Gipfeli fürs Frühstück zu holen: Es ist bequemer und weit weniger gefährlich!
Fahre dann in die Foothills der Sierra Nevada. Vorbei an den unter Wasser stehenden Reisfeldern, auf denen Vogelgetier sich niedergelassen hat. In der Ferne schwimmen die blauen Berge der "Sutter Buttes", der kleinsten Gebirgskette der Welt. (Bin immer leicht betupft, wenn kein Mensch eine Ahnung davon hat, dass der Gründervater Kaliforniens, General Sutter, ein Schweizer war.) Es sind mir noch alle Abzweigungen nach Oregon House geläufig, wo sich Robert Burtons spirituelle Gemeinde "Apollo" befindet.
Ich fahre die Rices Crossing Road, vorbei am Oregon Grocery Store mit der Tankstelle, zum Gate des Property hoch. Dort händigt mir Francik, ein deutschsprechender Student aus Rumänien eine Einlass-Karte aus, auf der noch der vorherige Name von Burtons Residenz, "Isis", prangt. Francik hat in Marburg das Metier eines Physiotherapeuten erlernt.
In "Apollo d'Oro", dem Restaurant auf dem Property, schreibe ich mich für die "Journey Forth"-Events ein. Treffe auf Jörg Thiel, der Dinner-Plätze mit Girard Haven verhökert. Er erzählt mir von seinem Business mit Marmorgestein aus Indien, das bis dato sehr gut gelaufen sei. Aber angesichts der Wirtschaftskrise sei es ungewiss, wie es weitergehe.
Auf dem Rückweg nehme ich Pravin, einen älteren Studenten aus Indien, im Auto mit. Er lädt mich zu sich nach Hause zu einem Drink ein. Auch er ist ein Besucher und bewohnt ein karges Kämmerchen bei Valentina, einer Russin. Wir trinken Coconut-Water. Pravin ist Assessor für Versicherungsschäden in Mumbai. Er hat eine Firma mit 15 Angestellten. Er arbeite nur drei Monate im Jahr. Die restlichen neun Monate sei er in Indien und im Ausland unterwegs. Wenn ich nach Indien käme, würde er sich sofort freimachen, um mit mir das Land zu bereisen. Er könne keinen Computer öffnen, das mache alles sein Manager. Für seinen Sohn, der in Oklahoma studiert, hat er einen Dampfkochtopf mitgebracht.
Um zwei Uhr werde ich bei Peter Albert an einer Abzweigung oberhalb der Lewis Caroll School an der Texas Hill Road vorstellig. Bei ihm wohne ich die nächsten vierzehn Tage. Peter Alberts Haus ist das einzige an dem Strässchen, das ein wenig sehr pompös als Phoenix Avenue bezeichnet ist. Das in orange gehaltene Haus ist kreisförmig und umschliesst einen ziemlich feuchten Innenhof. In meinem geräumigen Zimmer ist es affenkalt. Das Bettzeug müffelt leicht. Peter bedankt sich, das ich so pünktlich gekommen bin.
Er handelt mit Häusern. Aber die Geschäftsaussichten sind natürlich prekär. Er hocke auf einem leerstehenden Haus am Ort und müsse schauen, dass er das Haus, das er bewohne, behalten könne. Aber in einer solchen Lage wie der jetzigen müsse man sich einfach, anstatt in Panik zu geraten, doppelte Mühe geben. So wäscht er Töpfe in der Galleria, der Residenz des Lehrers, für 500 Dollar im Monat.
Für das Zimmer muss ich 25 Dollar im Tag bezahlen. Üblicherweise vermiete er es für 35, aber für "Journey Forth" mache er eine Ausnahme.
Abends Mariachi-Reception-Dinner in der Galleria. Sitze mit James und Kathleen Kowalick, Caroline und Lawrence, einem jungen Studenten aus Shanghai, an einem Tischchen. Es wird Pollo con Mole (Huhn an einer scharf gewürzten Schokoladensauce) serviert. Als Tranksame werden Margheritas gereicht. Diese fahren einem nicht schlecht ein. Die Unterhaltung zu Mariachi-Geschmetter ist auf alle Fälle sehr angeregt.
Mittwoch
Die Deckenheizung in Peter Alberts Haus, welche periodisch an- und ausgeht, ist sehr geräuschvoll und tönt wie ein niedergehender Landregen. Draussen regnet es tatsächlich Bindfäden, welche die unbeugsamen schwarzen Eichen vor meinem Fenster einwickeln. “Deren Äste verzweigen sich wie Blitze.” bemerkt Susan, die Frau von Michael Adams, die mich zum Abendessen einladen will. Ich bin aber bereits besetzt.
Heute ist Weihnachtsabend. Die Heizung ist auf das Minimum eingestellt, und es ist ungemütlich kalt. Ich sitze in meine Seemannsjacke gewandet mit kalten Füssen im Bett. Irene hat sich schon einige Zeit nicht mehr gemeldet und nimmt das Telefon nicht ab. Sie ist bei ihrer Schwester, was sie sehr zu absorbieren scheint. Ich versuche zu meditieren, nicke aber immer wieder ein. Von der gegenüberliegenden Wand, an der ein leeres Gestell steht, lächelt mich die Zeichnung einer asiatischen Dame mit festem Blick unverwandt, aber nicht ohne Liebreiz an. In den mir zugänglichen Räumen hat es etwelche Objekte aus dem fernen Osten sowie Bücher über Architektur und Gartenbau.
Der Hund, der hinter dem Haus logiert und nicht allzu forsch ist, heisst Abe, weil er am gleichen Tag Geburtstag hat wie Abraham Goldmann, ein Student und Anwalt der Fellowship. Peter aber sagt: “Meist werde er nur "He du!" gerufen. Zum Haushalt gehört auch noch eine uralte Katze mit einem schlimmen linken Auge, die sich meist vor der Türe tummelt und an die Wärme möchte. Wenn sie sich diesbezüglich nur mal nicht irrt! Auf einem Landstück mit einem künstlich angelegten Teich hat es ein paar Schafe, die sich der Hausherr hält.
Am Nachmittag treffe ich Michael Adams. Er ist krank gewesen (er ist oft krank), und jetzt geht es ihm dreimal so gut. Er sieht aus wie ein in die Länge gezogener Sam Hawkins mit nur noch einem Zahn und einem schmutzigen Hütchen, das eigentlich das Hütchen ist, mit welchem er in Apollo d'Oro Teller wäscht, das er aber nur selten abzieht. Sein Freund Kwang Son aus Korea musste die Schule verlassen, das heisst, er wird nicht mehr auf deren Mitgliederliste geführt, da er keine Aufenthaltsbewilligung für die USA hat. Er wohnt aber immer noch in einem Trailer in der Nähe des Gate.
Unter Studenten kursiert der Name eines neu entdeckten spirituellen Meisters, nämlich derjenige von David R. Hawkins. Es handelt sich bei ihm um einen amerikanischen Psychiater. Eine lange und schwere Krankheit verbunden mit Alkoholsucht brachte ihn an den Rand des Todes. Aus einer Bewusstlosigkeit wachte er dann mit verändertem Bewusstsein und einem starkem Wissen um die Existenz Gottes auf. "Die Ebenen des Bewusstseins" stellt eine Einführung in seine Theorie des Bewusstseins dar.
Hawkins sieht spirituelles Wachstum als das grundlegendste und tiefgreifendste Mittel zur Linderung von Leid. Die Menschen leben auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen und nehmen Wirklichkeit und Wahrheit in Relation zu ihrer Ebene wahr.
Aus eigenen spirituellen Erfahrungen und kinesiologischen Tests entwickelte Hawkins eine "Skala des Bewusstseins". Auf dieser ordnet er Personen wie Dingen, Konzepten, Büchern, Filmen etc. Werte zwischen 0 und 1'000 zu. Null ist ohne Bewusstsein (Tod) und 1'000 die höchste dem Menschen erreichbare Bewusstseinsebene. 200 kommt auf der Skala ein besonderer Stellenwert zu, weil sie die integren von den nicht-integren Ebenen trennt. Als nicht-integer und lebensabgewandt werden Dinge bezeichnet, die kinesiologisch "schwach" testen. Bei der Entwicklung des Bewusstseins über 200 werden zunehmend emotionale Reaktionen ab- und logisches Verständnis, wie auch Liebe und Einfühlungsvermögen, aufgebaut. Der Übergang von der Verstandesebene (400) mit seinem dualistischen Denken zu höheren Ebenen subjektiver Erfahrung von Liebe, Freude und Frieden, die sich wissenschaftlich-objektiver Untersuchung entziehen, würde einen Paradigmenwechsel im Denken und der Haltung der Menschen verlangen.
Hawkins betont, dass es in der nicht-dualistischen Wirklichkeit der höheren Bewusstseinsebenen keine Gegensätze gibt und führt das Beispiel von heiss und kalt an. Physikalisch betrachtet seien dies keine Gegensätze, sondern graduelle Unterschiede einer Dimension oder Skala.
Bedeutungsvoll sei die Schwelle von 500, da sie für den Verstand eine grosse Hürde darstelle. Konzepte wie Kausalität, Materialität, Kontrolle, Objektivität und Abgrenzung würden ab hier an Bedeutung verlieren.
Hawkins lehrt im weiteren eine stärkere Beachtung des Kontextes. Bei der Entwicklung von Bewusstsein werden immer mehr umgebende Bedingungen wahrgenommen. Im nicht-linearen Bereich über 500 dreht sich das Verhältnis um: Kontext wird zum eigentlichen Fokus und Inhalt oder das Ereignis zum Randaspekt. Die höchste Stufe reinen Bewusstseins, das Göttliche, ist der unendliche Kontext.
Studenten, die sich Hawkins zugewandt haben, sind aus der Schule ausgeschlossen worden. Für Michael Adams ist das ein Problem. Er findet, Robert sei zu wenig “inclusive”.
Michaels Standpunkt ist mir unverständlich. Robert befasst sich mit allen Traditionen der Welt von der Prähistorie bis zu Gurdjieff, Ouspensky, Collins und Alexander Horn. Auch wenn es stimmt, dass er davon nimmt, was ihm in den Kram passt. Robert ist nun einmal ein bewusster Lehrer – davon gehen wir aus – und als solcher braucht seine Lehre keine Ergänzung – von Beginn weg ist das Wesentliche da gewesen – sondern – wenn schon – eine Vertiefung, die erstaunlicherweise – für das intellektuelle Zentrum erstaunlicherweise – eine Vereinfachung nicht im Sinne von Simplifizierung, sondern der Herauskristallisierung des Essentiellen ist. Aber Robert kann es doch nicht zulassen, dass Studenten in seiner Schule, die Lehre von einem Hawkins oder wem auch immer propagieren. Wenn er das zulassen würde, dann hätten zentrifugale Kräfte die Schule schnell einmal in alle Winde aufgelöst. Dann würde es bald einmal keine Schule mehr geben. Die einen wären dies, die anderen präferierten das und dritte noch einmal was anderes. "The many I's". Das heisst aber nicht, dass sich nicht jeder privat mit wem oder was auch immer beschäftigen kann oder soll. Ein Student hat mir einmal gesagt: “Essence likes many things.” Da sind Studenten oft zu formatorisch und im Gegenzug wird dann über das Ziel hinausgeschossen. Es verwehrt mir doch niemand Sitz-Meditation zu üben oder Hawkins zu lesen. So wie es mir niemand verwehrt, Theater zu spielen oder spazieren zu gehen. Die Schule ist schliesslich nicht-interventiv, von Übungen (exercises) abgesehen. Aber wenn persönliche Präferenzen öffentlich über die Schule gestellt und an die grosse Glocke gehängt werden, dann hat der Lehrer einzuschreiten, um die Einheit der Schule und seiner Lehre zu wahren.
*
Abends Meeting mit Robert im Prytaneion. Thema des Meetings: "Circle and Square". Robert interpretiert den Kreis als Vollendung der Sequenz und das Viereck als die vier wortlosen Atemzüge.
Auf einem Bildschirm wird ein Objekt gezeigt, wo auf einer Tafel ein Kreis und darunter ein Viereck aufgezeichnet sind. Eine banale Darstellung zweier geometrischer Formen, in welche man natürlich allerlei Dinge hineingeheimnissen kann. Robert aber lädt das Objekt mit einer Bedeutung auf, die einfach und praktisch anwendbar ist.
Danach mit Jörg Thiel und seiner Frau bei mexikanischen Studenten zum Essen. Nancy studiert Psychologie. Jörg bezahlt die Rechnungen. Er erzählt mir, Peter Albert habe für einen Bauherrn gebürgt, der ihn durch seine Insolvenz in ein finanzielles Desaster gerissen habe.
In Gustavos Haus treffe ich auf Adam, den Posaunisten, den ich von früher her kenne, sowie seine Frau Sonia und komme mit Horatio aus Paraguay ins Gespräch.
Donnerstag
Frühstück mit Robert in der Galleria, welche zu Zeiten als "Academy" bezeichnet worden ist. Thema ist die Geburt.
Auf einem Bildschirm wird eine geflochtene runde Matte aus Südamerika mit einem viereckigen Loch in der Mitte gezeigt.
Mittags in Apollo d'Oro in einer Folge von Darstellungen esoterischer Traditionen die Präsentation einer Reise nach Tashkent und Uzbekistan.
Am späteren Nachmittag ein Konzert des Orfeo Ensembles in der Winery. Unter dem Dirigat von Daniel Canosa werden Teile einer Messe und Weihnachtslieder gesungen.
Zum Abendessen bin ich von Toma, einer energetischen Russin, zu Mohsen Amin, dem feurigen Koch aus Aegypten eingeladen. Bringe eine Flasche Jack Daniels mit, die der Hausherr sehr schätzen soll. Einmal mehr stellt dieser klar, dass wirkliche Vierte-Weg-Studenten in Apollo ansässig seien, denn nur hier finde das genuine "grinding" statt. Alles andere seien Studenten, die nur so tun würden als ob. Konnte mich als Gast enthalten, ihm zu sagen, dass sein Ego wohl noch einiges an "grinding" vor sich habe. Und dass er auch gescheiter für das Privileg, in Apollo leben zu dürfen, dankbar wäre, anstatt Studenten, die ein anderes Spiel haben, herunter zu machen. Dann gefiel sich Mohsen – Queen of Hearts – in der Haltung eines orientalischen Paschas Nicolai, einem Studenten aus Russland, ein paar pompös formulierte und von Toma ins Russische übersetzte Belehrungen zukommen zu lassen.
Das Filet Mignon auf dem Grill gebraten schmeckte aber hervorragend.
Als Mohsen die Qualität der gereichten russischen Schokolade betreffend sagte, es sei die beste, die sie im Haus hätten, bemerkte Assistentin Toma schmeichelnd, Mohsen sei kein Schmeichler.
Die Gastgeber Toma und Mohsen verzogen sich alsbald nach dem Essen, und es blieben die Gäste Nicolai, Mark und ich mit der Flasche Jack Daniels alleine zurück. Es wurde ein bezaubernder Abend.
Mark Agnew ist dabei eine Ausbildung als Krankenpfleger zu machen. Er ist Amerikaner mit griechischen Wurzeln. So wie auch der ehemalige amerikanische Vizepräsident Spiro Agnew hiess Marks Familie ursprünglich Agnopoulos oder so ähnlich.
Nicolai ist erst seit zwei Jahren in der Schule. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, verdient er sein Geld in Moskau als Bauinspektor. Er ist ziemlich dick und schwitzt unaufhörlich. Seiner Frau hat er gesagt, er gehe an eine Wissenschaftskonferenz in San Francisco. Auch Mark würde es nicht wagen, sich im Spital als Mitglied einer spirituellen Gemeinde zu outen. Demgegenüber soll ein Farmer, Tom Richards, dessen Land an das Property der Fellowship angrenzt, laut der Zeitung "Appeal Democrat" gegenüber Vorhaltungen eines Bekannten, bei der Fellowship handle es sich um einen Kult, zu diesem gesagt haben: “So what, this is a small cult and you are in a big cult!”
Diese Entgegnung ist ebeso gut, wie diejenige von Nino, einem Studenten in Kroatien, der einem Bekannten, einem Bankräuber, von der Fellowship erzählte. Dieser googelte daraufhin die Fellowship und beklagte sich dann bei Nino, diese Fellowship habe aber eine schlechte Presse. Worauf Nino entgegnete: “Na und, du ja auch!”
Bauinspektor Nicolai spricht ein sehr rudimentäres Englisch. Die Konversation mit Händen und Füssen und ein paar Brocken Englisch war es, die den Abend zu einem Ereignis werden liess. Wir verstanden uns prächtig. Gesprochen wurde über alles mögliche und auch noch über unsere allseitigen Militärkarrieren. Dabei schwang Nicolai obenaus. Er hatte es bis zum Sergeanten gebracht, Marc immerhin noch zum Corporal, nur ich war ein Private geblieben.
Nicolai erzählte noch folgendes Vorkommnis: Er hatte in Moskau gehört, der Lehrer halte sich in New York auf. Schnell entschlossen machte er sich nach der amerikanischen Metropole auf, ohne zu wissen, wo sich Robert dort aufhielt und was seine Pläne waren. Aufs Gratewohl habe er das Metropolitan Museum of Art besucht, als ihm plötzlich jemand auf die Schulter getippt habe. Eine russischer Student aus der Entourage von Robert. Eine erhofft unverhoffte Überraschung! Und so hat Nicolai tatsächlich den Lehrer in New York getroffen.
Freitag
Wie gewöhnlich esse ich ein Breakfast-Sandwich im Deli des Grocery Stores. Dieses besteht aus einem gebratenen Ei, Speck und Swiss Cheese in einem Bun, wie die Brotdeckel zu einem Hamburger heissen. Die Deli-Köchin heisst Nancy und ist ein richtiger Hinterwäldler-Trampel mit einer Frisur, die signalisiert, dass sie kein solcher sein möchte.
Danach fahre ich durch die verschneiten Wälder nach Nevada City. Drei Rehe äsen am Strassenrand. Es ist als führe ich durch eine Postkarte.
In Nevada City fällt mir jedoch nicht viel ein, was ich daselbst machen könnte. Der Buchladen kommt mir ziemlich abgestanden vor. Die Bücher müffeln leicht und die Verkäuferin zieht dauernd die Nase hoch. Ich kaufe "The Best American Spiritual Writing" des Jahres 2007 und laufe dann einmal das Städtchen hoch und dann wieder runter. Es ist affenkalt. In einem Pärkchen am unteren Ende des Ortes entledigen sich zwei Jugendliche ihrer Parkas und dreschen auf einander ein. Sie kugeln vor die Füsse eines Mexikaners. Dieser ist von einer unglaublichen Hässlichkeit. Unbewegt beschaut er sich die Keilerei. Ich gehe zum Parkplatz, überfahre beim Rausparken beinahe zwei Einheimische und presche wieder nach Hause.
Das Dinner in der Galleria steht unter dem Thema "Peruvian Fiesta". Ich sitze an der Tafel des Lehrers, jedoch auf seiner Seite und ganz in der Ecke, so dass ich kaum verstehe, was er sagt. Doch das spielt keine Rolle. Alle wichtigen Dinge sind ohnehin schon Dutzende von Malen gesagt worden. Robert war sehr entspannt, machte Witze und lachte viel. Ich lerne Guy Pontecorvo und Stephen Silidker kennen.
Robert sieht einmal mehr Katastrophen voraus. Er hat dahingehende Omen empfangen, dass das Jahr 2009 ziemlich chaotisch werden könnte. Bei der Wintersonnenwende am 21. Dezember soll die Sonne in Karnak durch eine bestimmte architektionische Gegebenheit scheinen, was sie dieses Jahr jedoch nicht tat, da sie vollständig von Wolken verhangen war. Für Robert ein schlechtes Zeichen.
Seit seinen Besuchen in Mexiko bezieht sich Robert neuerdings auf das Jahr 2012 als dem Datum des Weltendes, da der Kalender der Mayas in ebendiesem Jahr zu Ende geht. Der Untergang der Welt bedeutet natürlich nicht, dass die Welt rübis und stübis verschwindet, sondern dass es zu einem grösseren Kataklysmus kommt, der ein neues Zeitalter einläutet. Die Welt ist ja schon verschiedentlich untergegangen, man denke nur an Lemuria, Atlantis und die Dinosaurier zum Beispiel.
Es gibt eine einzige Stele an einem abgelegenen Ort in Mexiko, wo dieses Datum 2012 verzeichnet sein soll. Robert hat diese Stele aufgesucht und auf der Rückreise ist ihm in San Francisco in einem Hotel das Zimmer 2012 zugewiesen worden.
Wie schon vor 15 Jahren, als ich das erste Mal in Apollo war, wundere ich mich auch jetzt wieder, wie ich hierhergekommen bin. Zu diesem Gefühl der Verwunderung trägt sicher auch die opulent prächtige und absolut geschmackssichere Ausstattung in der Galleria bei, wo die Dinner stattfinden.
In Peter Alberts Haus ist es zwar ziemlich kalt, dafür habe ich ein eigenes, sehr geräumiges Badezimmer, in welchem es ein wenig wärmer ist, als in meinem Schlafzimmer. Ich überlege mir, ob ich in dem Badezimmer nächtigen soll. An einem Fenster lehnt ein Kalender. Das Bild für den Dezember trägt den Titel "The Homecoming".
Samstag
Aus Langeweile nach Yuba-City gefahren. Aber wenn man selber ein Langweiler ist, ist Yuba-City nicht gerade eine Örtlichkeit, die dazu angetan ist, einem aus dem Tran zu reissen. Also bin ich dort ein wenig im Kreis herumgefahren und dann wieder nach Hause.
Wir könnten gut und gerne eine Writers Guild in der Fellowship gründen: Michael Golding hat einen Roman veröffentlicht, der sogar auf Deutsch erschienen ist: "Das Licht der Lagune", 1997 als Btb erschienen. Der Roman spielt im Italien des 14. Jahrhunderts auf einer kleinen Insel in der Lagune von Venedig. Charles Purghomme, ursprünglich aus Haiti, hat einen Roman des Titels "Absent Smiles" geschrieben, der von Kindesmissbrauch handelt. Judith Grace hat einen Dialog in drei Teilen zwischen Walt Whitman in seinen letzten Tagen und Horace Traubel, seinem Freund und Sekretär, verfasst. Tzvi Shmilovich ist ein Dichter. Girard Haven hat gewichtige Bücher über unsere Arbeit geschrieben. Und auch Peter Ingle, Rolando Altamirano und John Stubbs haben sich über Theorie und Praxis des Vierten Weges ausgelassen. Und mein "Wenn nicht jetzt, wann?" liegt seit ein paar Monaten bei einem Verleger in Deutschland.
Gegen Abend spielt das "Apollo Orchestra" im Prytaneion: Beethoven und Mendelssohn. Nur etwa die Hälfte des Orchesters besteht aus Studenten. Alle anderen kommen von auswärts. Die Solistin ist eine Chinesin, Michelle Xiao You. Sie soll eine der besten Violinistinnen Kaliforniens sein. Von den Fellowship-Studenten wird sie stehend gefeiert. Früher gab es nie Standing Ovations aus dem Grunde, weil wir, die wir die Realisierung des Höheren Selbst' anstreben, dem Funktionieren, auch wenn es ein brilliantes ist, keine solche Ehrung zukommen lassen wollten.
Ich genoss das Konzert, weil es mir gelang, anwesend zu sein und nicht allzu oft in Imagination abzudriften, obwohl eine hübsche Studentin aus Taipeh neben mir sass. Sie ist eine Ingenieurin und erst seit einem halben Jahr in der Schule.
Der Violinist Joseph Joachim, für den Brahms sein Violin-Konzert geschrieben hat, soll einmal gesagt haben, die Deutschen hätten vier Violin-Konzerte. Das grösste und kompromissloseste sei dasjenige Beethovens. Dasjenige von Brahms sei ihm an Ernsthaftigkeit ebenbürtig. Das reichste und verführerischste sei von Max Bruch geschrieben worden. Doch das innerlichste, das Herzjuwel, sei das Violin-Konzert in E von Mendelssohn.
Beethovens Siebte Symphonie hat dieser selbst als seine beste und als das “glücklichste Produkt meines bescheidenen Talentes” bezeichnet. Er hat sie in einer Zeit geschrieben, als es ihm nicht besonders gut ging. Er litt unter zunehmenden Gesundheitsproblemen, insbesondere unter der sich abzeichnenden Taubheit, und darunter, dass er keine Frau fand, die ihn mit der ihm eigenen Gefühlsstärke zu lieben vermochte.
Werner zeigt mir die Library, in welcher es auch zwei Internet-Anschlüsse hat. Was ist nur mit mir los, dass ich nicht selber drauf komme, wo Objekte meines Suchtverhaltens zu finden sind? Werde ich jemals von Büchern los kommen? Ich versuche es. Der Anfang besteht darin, dass ich des öftern meditiere, anstatt zu lesen.
Sonntag
Auch am Sonntag gibt es Frühstückssandwichs im Grocery-Store.
Um elf Uhr Meeting mit Robert im Galleria-Salon, der vollgepackt ist mit Studenten. Das Call-of-the-Loon-Meeting dauert ewig, das heisst ca. anderthalb Stunden. Eine ziemliche Herausforderung für das instinktive Zentrum. Ich muss stehen und meine altersmorschen Knochen haben ihre liebe Mühe ihren angestammten Platz beizubehalten. Ich war drauf und dran zu gehen, hielt dann aber doch durch. Mein alter Sportsgeist! Aber nach einer Stunde war meine Aufnahmefähigkeit nicht mehr allzu gross.
Robert weist darauf hin, dass die Message oft in dem leeren Raum bestehe, den eine Skultur bilde.
Schön finde ich das Zitat eines Zen-Meisters: “Wenn du den Gipfel erreichst, höre nicht auf zu klettern.”
Beeindruckt hat mich eine toltekische perforierte Terracotta-Vase aus dem Anthropologischen Museum in Mexiko-City. Robert sagt, sie stelle die Herz-Neun dar, welche offen für Imagination sei, nämlich voller Löcher, unfähig eine Sequenz durchzuziehen.
Beim nächsten Meeting in Zürich werde ich ein Löchersieb auf den Tisch stellen.
Shantideva: “Illusion is perceived by what is not illusory.”
Lunch bei Steven und Meredith Dambeck. Ich bringe ein Fläschchen mehrfach preisgekröntes Apollo-Olivenöl (ein Weltleader an Premium Extra Virgin) mit. Vor der Haustüre schwant mir, dass die Dambecks die Produzenten des Öls sein könnten, was mir Karin Day auch prompt bestätigt.
Steven Dambeck bezeichnet sich als “emotionally centered farmer”.
Als weitere Gäste finden sich noch Ulrich Schmidt, Andra aus Rumänien und Jerome Foreman aus Amsterdam ein.
Ich erzähle von meiner Meditationspraxis mit der Achtsamkeit auf den Atem. Ulrich Schmidt bezeichnet letzteres als instinktiv. Das bringt mich auf die Palme. Formatorisches Denken hat das schon immer vermocht. Jerome sagt, es sei nicht verboten, Dinge auszuprobieren und das zu tun, was einem helfe.
Abends Wine-Cellar-Dinner mit Dorian. Bin der Ansicht, der Wine Cellar befinde sich in der Winery. Als sich dort jedoch nach geraumer Zeit niemand einfindet, dämmert es mir, dass dieser sich in der Galleria befinden müsse. Zwänge mich in die beengte Örtlichkeit. Dorian ist der Assistent des Lehrers seit Asaf das Land hat verlassen müssen. Asaf hat Ansley geheiratet und dabei vergessen, dass er bereits verheiratet war, das heisst, eine Scheinehe eingegangen ist, um sich im Land aufhalten zu können.
Montag
Oregon House besteht hauptsächlich aus der Marysville-Road, die nicht einmal eine Nummer hat, dem Schild "Welcome to Oregon House" und dem Oregon House Grocery Store & Deli. Nur der geduldige Erkunder entdeckt die über das ganze Gebiet verstreuten und in den Wäldern versteckten Anwesen und Farmen.
Gang durch die Gartenanlage Apollos. Man fühlt sich darin in dem hinterwäldlerischen Yuba-County wie in einer Anderswelt. Eine Anderswelt wäre Apollo so oder so. Aber mit all den Palmen (ungewöhnliche Varietäten aus verschiedensten Klimazonen), die elegante Boulevards säumen, streng gen Himmel weisende Zypressen, Rosen (mehr als 300 Arten, alle mit ihren Bezeichnungen angeschrieben), zwei europäischen Rosengärten, gestaltet nach "La Roserie Bagatelle in Paris", Statuen und Brunnen ist Apollo auch äusserlich eine veritable Anderswelt.
An die Rebhänge hoch zu schauen macht einen allerdings traurig. Von dem Weinberg wird nur noch ein kleiner Teil bewirtschaftet. Der Rest liegt brach. Die Rebstöcke sind ausgerissen oder abgesägt worden. Der solitäre Foothill-Weinberg hat sich letztlich als Fehlschlag erwiesen. Die Qualität der Weine war zwar hochstehend, aber sie zu erzielen war arbeitsintensiv und damit zu kostspielig. Es wurde organischer Weinanbau ohne Pestizide, Herbizide oder Fungizide betrieben. Die Kombination von dürftiger Erde und alten Weinstöcken hatte Ernten von unter 1,5 Tonnen pro acre zur Folge. Im Vergleich dazu erntet Napa Valley durchschnittlich etwa 4 Tonnen pro acre. Der Weinberg ist in den Jahren 1975-1982 gepflanzt worden. Die Rebstöcke mussten zum Teil in den felsigen Untergrund gedrillt werden.
*
Lasse eine Präsentation von Rumis Leben und Werk aus und fahre zum nahegelegenen Collins Lake, einem Stausee und zugleich State Park. Der Tagesaufenthalt kostet acht Dollar. Ich bin ungefähr der einzige Besucher dort.
Spechte hämmern unentwegt auf Bäume ein. In den Wäldern ist eine Hatz im Gange. Worte, die Fischer auf dem See miteinander wechseln, sind im ganzen Park zu hören.
Liege in der Sonne, lese einen italienischen Kriminalroman (Gianrico Carofiglio: "Reise in die Nacht". Nicht schlecht. (Wie in "Der dreizehnte Monat" von David Mitchell ist auch in diesem Roman von dem Film "Die Stunde der Sieger" die Rede.) Und lutsche Ricola-Kräuterbonbons um meine aufgerauhte Kehle zu schmieren.
Abends Adventure on Regents Way. Selbst wenn man weiss, wo sich ein Haus befindet, ist es nicht einfach, in stockdunkler Nacht in den unbeleuchteten Wäldern ein Anwesen zu finden. Ganz zu schweigen, wenn das Haus auf einem Berg mit vielerlei Strassen versteckt ist. Auf alle Fälle kommen Werner Zoth und ich eine halbe Stunde verspätet an die Veranstaltung mit Girard Haven in Jean Taylors Haus – aber immerhin rechtzeitig zum Essen.
Girard, der seit einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, gibt freimütig zu, dass es ihm schwer falle mit der Sequenz zu arbeiten. Er empfiehlt aber den Studenten, die Sequenz genau so anzuwenden, wie es Robert lehrt. Denn er sei überzeugt, dass Sechs und Vier von Sequenz und den wortlosen Atemzügen ein universelles Prinzip reflektiere.
Ich frage Girard, warum die Sequenz so mental sein müsse, was ihre Anwendung so schwierig mache. Girard antwortete darauf, Robert könne mit uns nur auf diese Weise kommunizieren. Die sechs Schritte, die zu göttlicher Gegenwärtigkeit führen, seien aber eigentlich emotional gemeint.
Girard sagte auch, man solle die Sequenz nicht als eine schwere Bürde angehen, sondern mit Freude und einer spielerischen, sportlichen Leichtigkeit.
“Denn mein Joch ist sanft und meine Last leicht.” heisst es in Matthäus 11,30.
Im Nahen Osten schlagen sie sich wieder einmal die Köpfe ein.
Dienstag
Auf einer Fahrt soll ein Student Robert gefragt haben, wie viele bewusste Wesen es gebe. Als Robert aufgeschaut habe, habe er am Strassenrand die Zahl 44 gesehen. Daraufhin sei recherchiert und die Liste erstellt worden, die mich zu Zeiten so sehr erstaunt hat. Denn darauf sind Namen wie Rilke, Vivaldi, Abraham Lincoln, Lewis Caroll etc. Als sich Robert und seine Mitarbeiter mit den Sufis befassten und vor allem auf Rumi stiessen, hiess es, die 44 seien bewusste Wesen, die direkt mit unserer Schule arbeiteten, dass es aber noch 45 andere gebe, die sich mit dem Planeten als Ganzem befassten. Zu den 45 sollen zum Beispiel Meister Eckhart und der Heilige Augustin gehören.
*
Traditioneller Ausflug mit Michael Adams und Kwang Son nach Chico. Michael schenkt mir ein Buch von Hawkins "Discovery of the Presence of God" und Kwang Son eines von Richard Rose, einem Buddhisten, "Psychology of the Observer".
Schöne Fahrt durch die Landwirtschaft via Loma Rica.
Ich lade die Jungs in Gridley in den "Black Bear Diner" zum Mittagessen ein. Kwang Son und ich, die ein Bier trinken, müssen uns eigenartigerweise ausweisen.
Die Konversation ist ein wenig konfus, um das Mindeste zu sagen. Es geht um Programming, Mind Manipulation, Brainwashing, the Matrix und ich weiss nicht was. Auf alle Fälle sind Michael und Kwang Son gegenüber Robert und der Schule sehr kritisch eingestellt. Sie rauchen auch wie die Bürstenbinder. Vor allem Kwang Son soll ein ganzes Päckchen im Tag paffen. Das soll gut für die Neurotransmitter sein.
Wir suchen unser obligates Buchantiquariat auf. Kwang Son pickt für mich ein Buch mit einem Gespräch mit dem Philosophen Michel Serre heraus, das mich tatsächlich interessiert. Habe nämlich schon mal versucht, ein Buch des französischen Hermetikers zu lesen. Es war mir jedoch zu höchlich. Vielleicht verstehe ich, was er im Gespräch sagt.
Danach laufen wir noch ein wenig durch die Stadt. Es ist ein warmer Tag und die Girls laufen in kurzen Röckchen und Spaghettiträger-Leibchen herum, während wir aus den Foothills in unsere Winterjacken gemummt sind.
Kwang Son quatscht ununterbrochen, dass wir die Puppen seien, die man tanzen lasse und davon, dass wir wie Projektionen auf einer Leinwand seien, während wir durch das Universitätsstädtchen latschen. Wir queren eine Strasse, die als "Normal Avenue" bezeichnet ist.
Als wir nach Hause fahren, ist es bereits dunkel. Ich sehe eine riesige Sternschnuppe am Himmel verglühen.
Kwang Son absentiert sich für das Abendessen bei Michael und Susan. Er empfiehlt mir noch "Radical Awakening" von Stephan Jordain.
Susan ist Spezialistin für die Reparatur von Steinkrügen. Ihr Hauptkunde ist ein Sammler in San Francisco. Sie zeigt mir einen Bierhumpen von halber Mannsgrösse mit historischen Darstellungen darauf, dessen Henkel abgebrochen ist.
Das Essen ist vegetarisch: Rosenkohl und Yams und irgend so ein exotisches Getreide. Dazu eine Flasche "Da Vinci" aus der Apollo-Produktion. Abendfüllendes Gesprächsthema: Michaels Negativität der Schule gegenüber.
Mir fällt auf, wie sich Leute in Theorien versteigen und es unterlassen, das Nächstliegende zu tun. Zum Beispiel zu versuchen, zu dem Essen gegenwärtig zu sein.
*
Michel Serre ist gegen Debatten und Diskussionen. In solchen komme man zu nichts Neuem. Einsichten seien das Ergebnis von Intuition und die erreiche einen nur in der Einsamkeit. Debatten erinnerten ihn zu sehr an Krieg, das prägende Erlebnis seiner Jugend. Lateinisch "discutere" bedeutet denn auch "in Stücke schlagen", "zertrümmern".
Die Hochschätzung von Diskussionen ist mit der Einführung der Demokratie einhergegangen und der zunehmenden Bedeutung davon, mit Hilfe des gesprochenen Wortes die Massen zu überzeugen. Robin Waterfield findet in seinem Buch "René Guénon and the Future of the West", die Athenische Gesellschaft müsse eine der gesprächigsten (most talkative) der Welt gewesen sein, und wir im Westen hätten seither immer nur gesprochen.
Wir – Studenten des Vierten Weges – dagegen sind – wie Eckhart sagt – Aristokraten des inneren Menschen, nämlich durch das wahre Selbst, das "Funkelein", den göttlichen Funken. Den hören wir – wie es in Psalm 85 heisst: "Audiam qui loquiter in me, dominus Deus" (Ich höre, wer in mir spricht, Gott der Herr) – jedoch nur wenn wir still sind.
Inneres und äusseres Schweigen ist das Zeichen eines wirklichen Kontaktes zur geistigen Welt. Ein solcher Kontakt erzeugt immer einen Zustrom an Kräften. Er ist die Grundlage aller praktischen Esoterik. Im ersten Satz seines klassischen Buches über den Yoga formuliert Patanjali dessen praktisches und theoretisches Wesen wie folgt: “Yoga ist die Unterdrückung der Eigenregungen der Denksubstanz.” Die Eigenregungen der mentalen Substanz finden automatisch statt. Dieser Automatismus des Denkens und Vorstellens, den wir in der Fellowship als "Imagination" bezeichnen, ist das Gegenteil von Konzentration. Konzentration ist das willentliche Schweigen des intellektuellen und Vorstellungs-Automatismus.
Sophokles: “Das glücklichste Leben ist ohne Gedanken.”
Mittwoch
Verbringe den Tag an der Sonne am Collins Lake. Eine Familie mit zwei Kindern läuft über den Damm. Sie sind mit Angelruten bewaffnet.
Als die Sonne untergeht, gehe ich nach Hause. Auch die Angler-Familie macht sich auf den Heimweg. Doch da ergeben sich Unstimmigkeiten. Der kleinere der zwei Sohnemänner kann sich noch nicht losreissen. Die Mutter schreit ihm zu: “You fucking asshole!” Den ganzen Tag in Stille und Abgeschiedenheit und dann das!
Heute abend ist Silvester. Im Prytaneion findet ein Ball statt. Ich habe jedoch keine Lust hinzugehen. Ich kenne mich in der klassischen Tanzerei nicht aus und hasse es, trotzdem von älteren Mädchen dazu aufgefordert zu werden und dann der Bewegungen unkundig auf dem Parkett herumtapsen zu müssen. Das ist nichts für meine Eitelkeit!
So verbringe ich den Abend in die Seemannsjacke gemummt mit Lektüre und Meditation in Peter Alberts Kühlbox.
Donnerstag
The Golden God, the Self, the immortal Swan
leaves the small nest of the body, goes where He wants.
Dies ist der Beginn eines Gesangs aus der Brihadaranyaka Upanishade. Die Sentenz stand heute, am 1. Januar des neuen Jahres 2009, im Schaukasten der Einlasspforte von Apollo. Das hat mich berührt, weil ich eben dieses Gedicht einmal in dem Programm "Untergang nach Titanic", das nicht wenig von Gurdjieff inspiriert war, verwendet habe.
“Der Wunsch zur Vereinigung mit dem Göttlichen entzündet sich in der Herz-Neun durch das Göttliche selbst. Es ist Gottes Wunsch, sich in uns zu sehen. Er hebt den Schleier und enthüllt sich in uns für einen kurzen Moment. So ruft er in uns den Wunsch wach, ihn zurückzurufen, auf dass er immerdar in uns wohnen möge. Die Sequenz ist ein Liebeslied. Sie muss jedoch als solches gefühlt und mit Liebe und Demut gesungen werden. Andererseits stammt der Wunsch zur körperlichen Vereinigung aus dem physischen Körper und hat die Aufrechterhaltung der physischen Welt zum Ziel. Wenn das niedere Selbst die Vereinigung mit seinem komplementären Part vollzieht, so resultiert dies in der Weitergabe seiner Wesenszüge in dessen Nachkommenschaft. Diese Ersatz-Ewigkeit ist alles, was es sich erwünscht.” (aus Rolando Altamiranos "A Further Effort")
*
Das Meeting mit Robert steht unter dem Thema "Certainty". Er sieht Düsteres voraus, ist aber guter Dinge.
Robert sagt, obwohl seine Höheren Zentren sich in den Siebziger Jahren kristallisiert hätten, habe er erst durch die Anwendung der Sequenz erfahren, ein wie hinterhältiger Gegenspieler das niedere Selbst sei.
Werner hat seine Autoschlüssel im abgeschlossenen Wagen vergessen. Eugen hilft ihm den Wagen aufzukriegen. Danach lädt mich Eugen zu einem Kaffee ein. Er ist aus Krakau. Möchte Kontakte in Europa intensivieren.
Verbringe eine paar Stunden am Lake Francis. Auch bei diesem handelt es sich um einen Staudamm. Er befindet sich in Dobbins. Landschaftlich nicht ganz so schön wie Collins Lake.
Freitag
Fahre noch einmal nach Chico. Einerseits wegen dem Barnes & Noble Bookstore, andererseits wegen den landschaftlichen Reizen der Fahrt dorthin. Doch mit letzteren ist heute nichts. Es regnet. Ausserdem verfehle ich den Weg, den ich mit Michael und Kwang Son gefahren bin. In Oroville konsultiere ich die Karte und finde doch noch nach Chico.
Der Buchladen von Barnes und Noble ist riesengross. Ich kaufe folgende zwei Bücher: "The Brass Verdict" von Michael Connelly. Ein Gerichtskrimi mit Connellys beiden Helden Micky Haller und Harry Bosch. Connelly, von dem ich alle Bücher samt und sonders gelesen habe, ist bei Barnes und Noble unter "Literatur" eingereiht. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Das Buch kaufe ich, um den anstehenden 10-Stunden-Flug nach London zu überstehen. Und von Peter Kingsley, einem akademisch anerkannten Vermittler des spirituellen Erbes der antiken Welt, "Reality". Die wahre Geschichte von Parmenides, Empedokles und ihresgleichen: Spirituellen Führern und Experten anderer Bewusstseinszustände, Heilern, Traumdeutern, Propheten und Magiern, die die Fundamente für die Welt legten, in welcher wir heute leben. Kingsleys Buch dokumentiert den Prozess, welcher dazu führte, dass ihre Arbeit und ihre Lehren verzerrt, verlegt und vergessen wurden. Und viel wichtiger: Es rekonstruiert diese in ihrer ganzen Power, uns zu dem aufzuwecken, was Wirklichkeit wirklich ist.
Esse ein Sandwich im Barnes & Noble Starbuck. Ein Herr an einem Tischchen neben mir isst ein Sandwich mitsamt dem Papier, weil er von seiner Lektüre dermassen gefesselt ist: "String theory demystified". Buddha rät, immer nur eine Sache auf einmal zu machen. Wenn man ein Sandwich isst, dann esse man ein Sandwich, wenn man ein Buch liest, dann lese man ein Buch. Zwei Sachen auf einmal zu tun, heisst unweigerlich in den Schlafzustand – automatischem Funktionieren – zu verfallen.
Auch auf dem Heimweg verfahre ich mich.
Samstag
Habe mich noch ein letztes Mal zu einem Frühstück mit Robert überreden lassen. Dass man dazu überredet werden muss! Diese kosten eben etwas. Und da hat das niedere Selbst seine Bedenken. Nach Chico zu fahren und etwa gleich viel für Bücher auszugeben macht ihm jedoch viel weniger aus.
Gegen Abend Konzert des Apollo Orchestra mit Chor. Aufgeführt wird Händels Messias. Zwei Sängerinnen sind Studentinnen, die anderen zwei Sänger sind "life people". Beeindruckend, was die kleine Gemeinde Apollo unter der Leitung von Michael Goodwin an künstlerischen Leistungen zustande bringt.
Alan Burnside, der ehemals in Japan tätige, fidele Englisch-Lehrer, heuert mich zusammen mit Hugo für die Bar an. Es gefällt mir, den Barmann zu spielen. Hugo Ferraguti, ein italienischstämmiger Argentinier hat Mühe mit dem Zapfenziehen. Ich habe Mühe mit dem Geld einziehen. Ein Gläschen Port kostet drei Dollar. Inner Considering ist gross.
Sonntag/Montag
Mein queeny Reisefieber ist immer noch schwer zu bezähmen. Ich schwänze das morgendliche Meeting mit Robert in der Galleria und fahre in der Früh nach San Francisco. Da Sonntag ist, komme ich ohne weiteres durch. Die Fahrt über die Brücke nach Downtown SF ist atemberaubend.
Ich kann nicht widerstehen, im Fahren ein paar Fotos zu schiessen. Ohne weiteres fahre ich zum Rental Car Return am Flughafen durch. Ich bin einen halben Tag zu früh am Flughafen! Einen halben Tag warten, um dann 10 Stunden zu warten, bis das Flugzeug wieder landet!
Nach dem Einchecken mache ich einen Ausflug mit der "Bart" in einen der Suburbs von SF. Dieser ist – dazu noch an einem Sonntag – ziemlich öde. Bald schon bin ich wieder auf dem Flughafen.
Ich habe Sitzplatz Nummer 13 für den Flug nach London gezogen. 13 bedeute "ultimate good luck" hat Robert gesagt. Nach den 12 Atemzügen der Sequenz der erste Atemzug wortloser göttlicher Gegenwärtigkeit!
Nach Stunden erhebt sich der 400-Tonnen-Vogel in den Nachthimmel.
Die grösste Gold-Skulptur eines Buddhas wiegt 500 Tonnen! Während einer der Invasionen Thailands ist die Statue mit Gips überzogen worden, um den Schatz zu schützen. Auf diese Weise blieb das Gold unentdeckt. Als die Statue verschoben wurde, gab es Sprünge im Gips und man entdeckte das Gold darunter.
Der Gips ist unser niederes Selbst. Das Gold unser wirkliches Selbst. Wenn wir dieses realisieren, sind wir "in a golden state"!
Neben mir sitzt ein älterer Herr, der Canettis Blendung auf italienisch liest. Neun Stunden lang sprechen wir nichts miteinander, doch dann legen wir los und schlagen uns gegenseitig unsere Belesenheit um die Ohren. Der Name meines Lese-Kontrahenden ist Alberto. Es handelt sich bei ihm um einen pensionierten Deutschlehrer aus Novara bei Mailand. Er hat seinen in Berkley studierenden oder lehrenden Sohn besucht. Ich verspreche, ihm meine “Memoiren” zu schicken.
Am Montagabend holt mich Irene, die von der Arbeit in Winterthur kommt, am Flughafen ab.
* * *