25. Februar 2011
Es ist ja nicht so, dass es das erste Mal ist, dass ich verreise, aber ich bin so nervös wie eh und je. Es will mich dünken, die linke von meinen neuen Stiefeletten sei zu klein. Bis zum Flughafen habe ich bereits Blasen an beiden Fersen. Dazu kommt, dass ebenfalls auf der linken Seite, das Ohr zu ist. Bin ich erkältet, habe ich einen Schmalzpfropfen? Oder steckt mir gar noch ein Oropax von der vergangenen Nacht im Gehörgang? Irene klagt über Rückenschmerzen.
In der Flughafen-Drogerie kaufen wir Wallwurz-Salbe für 25 Franken und Druckpflaster.
Zum Glück hat es in der kleinen Avro RJ 100 der Swiss nur Travel-Profis, keine lärmigen Reisehysteriker und hypernervöse Kaugummikauer, die sich cool zu geben suchen.
Irene liest das "Tagi-Magi" und findet, Joschka Fischer mit seiner fünften Ehefrau habe einen Knall. In der Reihe vor uns sitzt Thomas Held, ein weiterer Alt-68er. Längliches, zwischenzeitlich grau-durchwirktes Haupthaar zeigt vergangenes Rebellentum an.
Eine hoch aufgeschossene, hagere Blondine mit spitzer Nase schreibt emsig Kürzel in ein A4-Notizbuch; dazu blättert sie in einem Ordner mit vierfarbig unterstrichenem Schriftwerk.
In der U-Bahn durch Südlondon weist ein fernöstlicher Kioskbesitzer seinen übergewichtigen Sohn an, welche liegen gelassenen Zeitungen er in einen Plastik-Sack einzusammeln hat.
Das Caesar-Hotel befindet sich in der Nähe des Bahnhofes Paddington. Da das Zimmer ist noch nicht bereit ist, streunen wir in der Gegend rum und essen in einem Hotel-Restaurant zu Mittag. Hier herrscht alles andere als grosstädtische Hetze. Als wir endlich dabei sind, unser Mahl einzunehmen, müssen wir die Füsse hochhalten, weil eine – vermutlich osteuropäische – Maid gerade das Lokal staubsaugert.
Es ist einigermassen warm. Irene, ausgerüstet für einen arktischen Winter, schwitzt wie eine Weltmeisterin.
London zeigt viel – zumeist schwarz-bestrumpftes – Bein. Die Damen tragen Hot-Pants oder so ein Zwischendings von Hemd und Röckchen, das knapp den Unterleib bedeckt. Irene will mir weismachen, die Girls trügen dieses Outfit zu ihrem eigenen Vergnügen und nicht, um Männer ins Gefängnis zu bringen.
Nach dem Zimmerbezug treiben wir uns an der Tottenham Court Road auf der Suche nach esoterischen Buchläden rum, von denen sich jedoch keiner finden lässt. Erstehe dafür bei Oxfam "Apollo's Angels – a History of Ballet" für einen mir bekannten Begeisterten des ätherischen Tanzes.
Die neuen Camel-Stiefeletten sind höllisch unbequem. Als Irene wieder mal in einen Textil-Laden entschwindet, erstehe ich im Geschäft nebenan Schuhe zum Reinschlüpfen.
Abends picknicken wir im Zimmer zu ebener Erde. Das Gemach ist schmal, das Bett ebenso. Zum Glück haben Irene und ich uns immer noch gern. Durch die Vorhänge dringt Licht von der Strassenlaterne. Lese "Scoop" von Evelyn Waugh. Ganz amüsant.
26. Februar 2011
Beim Palast von Königs kleine Wachablösung. Scharen von Touristen lassen sich den Non-Event trotz Regens nicht verdriessen.
Irene ersteht im Souvenir-Shop nahebei einen Origami-Stadtplan, den sie nach einmaligem Aufklappen nicht mehr zusammenbringt.
Im Taxi zur Tate Gallery klärt uns der Fahrer darüber auf, dass es zwei davon gebe. Wir lassen uns zur Tate Modern chauffieren. Diese befindet sich südlich der Themse in einem von Herzog und Demeuron umgebauten Elektrizitätswerk.
Der Eintritt ist überraschenderweise gratis. Was haben sich die Londoner wohl dabei gedacht? Von den 30 Millionen Touristen, die jährlich die Stadt heimsuchen, wird wohl jeder zweite durch den Kunsttempel latschen. Das sind bei einem Eintritt von 15 Euro sage und seufze 225 Millionen Euro, die sich die Hauptstädter damit ans Bein streichen!
Auch weltberühmte Künstler wie Bruce Naumann kennen das Problem, in ihrem Atelier zu sitzen und nicht wissen, was zu tun ist. "Du willst was machen, und aus purer Verzweiflung machst du schliesslich was... irgendwas", hat der Meister zu Protokoll gegeben. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich um eine gute oder eher dürftige Idee handle, man müsse einfach was tun. Es gebe einen Grad an Verunsicherung und Frustration, der die Sorge darum, ob dies nun gut oder weniger gut sei gegenstandslos mache. "You just do it."
Er habe einen Haufen Zeugs in seinem Atelier herumliegen und räume nur auf, wenn er Platz brauche. Zu seiner Arbeit verwende er oft, was gerade zur Hand sei. So habe er nächtens eine herumliegende Infrarot-Kamera aufgestellt, um aufzunehmen, was sich in seiner Abwesenheit in seinem Atelier so alles tue. Zu Zeiten hätten nämlich gerade Feldmäuse versucht, die Räumlichkeit in Beschlag zu nehmen.
"Mapping the studio" heisst das solcherart entstandene Kunstwerk. Da sieht man dann in den zum Teil eingefärbten Aufnahmen ab und an eine Maus durchs Bild huschen und eine Katze rumschleichen. Aber dass diese je eine der Mäuse fangen würde... Fehlanzeige!
Bestätigung in seinem Unterfangen habe er, Naumann, in den Tagebüchern von Meriwether Lewis und William Clark gefunden, die anfangs des 19. Jahrhunderts die erste amerikanische Überlandexpedition an die Pazifikküste durchgeführt hatten. Er habe den ganzen Stapel von zehn Bänden an Aufzeichnungen durchgesehen. Wenn da auch viel vom Wetter die Rede sei, sei es doch erstaunlich, dass an jedem Tag irgendwas Interessantes passiere, wenn man denn nur richtig hinschaue.
Andererseits habe ihn die taoistische Maxime "Not to watch anything in order to be aware of everything" geleitet.
In der riesigen Turbinenhalle hat der chinesische Künstler Ai Weiwei eine entsprechend immense Fläche mit Millionen und Abermillionen von kleinen Dingern ausgelegt. Man schaut sich das an, und wenn man mal mit sich übereingekommen ist, dass es sich dabei um Sonnenblumenkerne handelt, nickt man innerlich und ist dennoch ziemlich ratlos. Nun ja, Sonnenblumenkerne...
Aber dann ist Ratlosigkeit bei den bildenden Künsten ein allseits bekanntes Phänomen.
Um eine Ecke herum sind Materialien zur Installation einzusehen, und es läuft dazu auch noch ein Film. Mich zu den Leuten zu gesellen, die sich da kundig machen, widerstrebte mir eigentlich. Es regt mich immer auf, wenn bei Kunstwerken so wenig zu sehen ist, dass man erst Bücher lesen muss, um dahinter zu kommen, was gemeint ist. Dennoch schaute ich mir den Film an, weil ich gerade nichts Besseres zu tun hatte und war dann bass erstaunt: Die Sonnenblumenkerne sind alle aus Porzellan!
Das ist nun doch allerhand. Im südchinesischen Jingdezhen, das ehemals den Kaiser mit Porzellan-Artefakten belieferte, liess der Künstler 100 Millionen (!) Sonnenblumenkerne fertigen, mit schwarzer Tusche von Hand bemalen und brennen. Ein Fertigungsprozess von etwa zwanzig bis dreissig Schritten, in den 1'600 Leute involviert waren und der zirka sechs Jahre dauerte. Jeder Sonnenblumenkern ein Unikat, dessen Individualität in der Masse völlig untergeht. Ein Wahnsinnsbild von den Menschen, die den chinesischen Monster-Staat ausmachen und den Spannungen, die diese in dem sich modernisierenden – reicher werdenden und damit vermehrt Individualitäten hervorbringenden – China ausgesetzt sind.
Warum aber gerade Sonnenblumenkerne? In einem Interview erläuterte Ai Weiwei, dass Mao immer als die Sonne dargestellt worden sei, und die Sonnenblume – girasole – wende das Köpfchen immer dieser zu. In dem China, in welchem er aufgewachsen sei – im abgelegenen Nordwesten – hätten sie rein nichts gehabt, nur gerade ein Bett, einen Ofen, einen Schemel oder einen Stuhl. Nicht mal Glühbirnen oder Elektrizität habe es gegeben. Jedes Jahr hätten sie vielleicht fünf verschiedene Arten Gemüse gehabt, aber zu unterschiedlichen Zeiten: Im Winter Zwiebeln und Kartoffeln, im Sommer Wassermelonen, Kürbis und Kohl. Was sie aber als Spezial immer in ihren Kitteltaschen gehabt hätten – das ganze Jahr über, auch die Ärmsten – das seien Sonnenblumenkerne gewesen. Anlässlich eines Hochzeites, einer wichtigen Zusammenkunft oder der Vorführung eines Filmes – jedermann habe die gleichen fünf Filme gesehen, die während ungefähr zwanzig Jahren im Lande zirkuliert hätten – hätten sie immer diese ihre Freunde im Sack gehabt. Wenn man zu Verwandten oder Bekannten auf Besuch gegangen sei, hätten diese – in jener Zeit habe es nicht mal Tee gegeben – nur gerade Sonnenblumenkerne aufgetischt. So habe man sich ausgetauscht und dabei Kerne geknackt. Viele Chinese hätten vorne eine Lücke in ihrem Gebiss, das komme vom Knacken. Manche Westler hätten Mühe mit dem Knacken der Kerne. Seine Mutter könne diese enorm schnell – nur gerade mit der Zungenspitze – ohne den Kern zu beschädigen – wie ein Vogel. Der Sinologe Nikos Kazantzakis habe in einem 1938 über seine Reisen in China und Japan publizierten Buch geschrieben, wenn es diese Sonnenblumenkerne nicht gegeben hätte, hätte es möglicherweise eine Revolution oder sonstigen gesellschaftlichen Wandel gegeben, da deren Aufknacken soviel Aufwand und Geschick voraussetze.
Anfangs der Achtziger-Jahre hatte sich Ai Weiwei die Möglichkeit eröffnet, nach New York zu emigrieren. Dort verbog er einen Kleiderbügel aus Draht zu der Gesichtssilhouette Marcel Duchamps. Er sei schon damals ein Künstler gewesen, aber niemand habe ihn als solchen wahrgenommen. Den Rest der Zeit sei er herumgehangen und habe Sonnenblumenkerne geknackt. Viel Zeit habe er in Atlantic City mit Kartenspielen zum Behufe des Geldverdienens verbracht. Wenn er zurückschaue, müsse er sagen, dass das die richtige Entscheidung gewesen sei, nichts zu tun und niemand zu werden. Das habe ihm die Freiheit gelassen, sich nicht an etwas zu verhaften. Erst sehr spät – nachdem er nach China zurückgegangen sei – habe er dann einiges zu tun gehabt. Er habe sich als Künstler bezeichnet, aber fünf oder sechs Jahre lang habe er nichts getan.
Eine Sonderausstellung ist dem Mexikaner Gabriel Orozco gewidmet. Dieser hat in den Neunziger-Jahren bei einem Citroën DS das Mittel-Drittel herausgeschnitten und die zwei verbliebenen Teile wieder fein säuberlich zusammengefügt. Ein handwerkliche Meisterleistung! Das Resultat: ein aerodynamisch-schnittiges Vehikel, das für nichts anderes mehr zu gebrauchen ist, als in für Kunst bestimmten Räumen ausgestellt zu werden. Weiwei hat ähnliches mit chinesischen Antikmöbeln gemacht. Auch hat der Chinese wie der Mexikaner eine Fahrradskulptur geschaffen.
Den Rest des Tages tummeln wir uns in Londons Warenwelt. Ich laufe die Charon Cross Road rauf und runter und kaufe in all den Buchläden kein einziges Buch. Auf dem Heimweg durch den Hyde-Park (zu Hause ist da, wo das Pijama deponiert ist) sinkt der Sonnenball auf die Erde runter, worüber der Himmel sehr errötet. Ich kann das Schauspiel aber nicht recht geniessen, weil mich auch die neuen Schuhe höllisch drücken. Was habe ich neuerdings nur für Füsse?
Irene schwärmt von einem Meer von Schuhen, in welchem sie in Selfridges gebadet habe. In einem anderen Warenhaus will sie einen Traum von einer Tasche aus feinstem Leder und ohne jegliche Beschläge gesichtet haben.
Abendessen beim Spice Guru im Souterrain. Dieser ist Spezialist für Tandoori, Curry und Balti, wobei letzteres die britische Version eines Currys sein soll. Neben uns löffelt ein Herr mit Dreitagebart und Ohrring seine Suppe und liest dabei ein Buch des Titels "Avalon Queen". Einen Tisch weiter lachen sich Holländer den Buckel voll, sodass die Mauern zu bröckeln drohen. Die Kerle verbreiten gute Laune mit einem Dezibelaufwand, wie ihn nur Leute zuwege bringen, welche das Essen auf Gechäftsspesen nehmen können. Wir flüchten uns an das von den röhrenden Holländern und dem Suppenkasper weitest entfernte Tischchen vis-à-vis vom Eingang, wo wir im Durchzug Gefahr laufen uns eine Lungenentzündung zu holen.
Das Essen regt uns zu Reminiszenzen an unsere Indien-Reise vor einigen Jahren an. Dabei muss ich mir mal wieder den grössten Bock unserer gemeinsamen Reisetätigkeit vorhalten lassen: In Kochi lotste ich Irene für einen Flug nach Coimbatore um Mitternacht auf den dortigen Flughafen. Der Flug war jedoch morgens um 0 Uhr irgendwas abgegangen. Anstatt zu fliegen, machten wir die Reise dann in einem Mercedes-Taxi mit kaputten Stossdämpfern und nur einem intakten Scheinwerfer, was nächtens ziemlich unheimlich war.
Fünf Wochen reisten wir in Südinden rum: Madras, Mahabalipuram, Pondycherry, Madurai, Kochi, Mysore, Bangalore, Hampi. Vier Wochen lang unterzog sich Irene ohne zu murren indischer Küche, bevor sie dann nicht mehr an sich halten konnte und von einem Rindsbraten zu schwärmen begann. In Varkala, einem Hippy-Strand wie in den guten alten Zeiten, assen wir in einem improvisierten Restaurant an einem Tischchen direkt an des Meeres Wellen Fisch. Das Bier wurde uns – im Gliedstaat Kerala herrscht Prohibition – in Teekanne und Teetassen serviert. Glamouröser war nur noch ein Mittagessen im südtürkischen Fethiye, wo uns ein Restaurateur winters im Hafen ein Tischchen an die Sonne auf den Quai stellte.
27. Februar 2011
Habe als Fussgänger so meine Schwierigkeiten mit dem insularen Linksverkehr. Selbst wenn ich beim Überqueren der Strasse auf die rechte Seite schauen will, schaut der Kopf auf die linke. Komische Erfahrung: Der Körper macht, was er will, respektive, was er gewohnt ist! Freundlicherweise haben die Londoner überall "Look right – Look left" auf die Strasse gemalt.
Im Topshops beim Oxford Circus kaufe ich das dritte Paar Schuhe innerhalb weniger Tage. Das Beste an dem Laden ist, dass er sonntags offen hat.
Gegenüber ihrer Botschaft in Knightsbridge steht eine anzahlmässig nicht eben beeindruckende Menge von Libyern im Regen und fordert den Sturz ihres Landestyrannen.
Der Eintritt auch zum Institute of Contemporary Arts ist frei. Über das Wochenende findet ein Performance-Festival statt. Wir schauen uns eine Theatervorführung an, von der ich nicht sagen könnte, von was sie gehandelt hat. Irene aber hat sie gefallen. Ein Chinese (oder war es ein Japaner, Koreaner?) trägt einen Bauhelm, worauf er eine Kamera montiert hat, mittels welcher er einen Film auf eine Wand projiziert. In dem Animationsfilmchen geht es rauf und runter und nach links und nach rechts. Der asiatische Performer macht die Bewegungen auf dem Zelluloid mit seinem Körper mit. Dabei hält er die Hand eines Zuschauers, mit welchem zusammen er auch singt. Sehr lustig, aber für mich auch nicht allzu einsichtig, was das soll.
Kaufe eine Monographie über die visuelle Kunst von John Cage: "Every day is a good day". Auf japanisch: "Nichi nichi kore konichi." Dies soll die Lieblingssentenz des Komponisten gewesen sein. In einem Interview gab Cage zu Protokoll: Seine Haltung gehe dahin, den bewusst wahrgenommenen Alltag interessanter zu finden als irgendwelche Formen von Feiern. Wenn wir unsere Absichten auf null runterschraubten, würden wir plötzlich gewahr, dass die Welt magisch sei. Und an anderer Stelle: "Atmen und gehen mit soweit geleertem Kopf, um wahrzunehmen, was es in dem Theater, in welches es uns verschlagen hat, zu sehen und zu hören gibt. Es gibt nicht viel mehr zu sagen, oder vielmehr gibt es weder den Raum noch die Zeit, um es zu sagen."
John Cage verehrte James Joyce "Finnegans Wake" und sagte, für ihn sei jede einzelne Stelle in Finnegans Wake interessanter, als rauszufinden, um was es im Buch als Ganzem gehe. "Finnegans Wake" – ganz klar das wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts – sei völliger Unsinn. Warum aber Unsinn? Deswegen, um offen für eine Vielzahl von Sinn zu sein. So könne man seinen eigenen Weg finden und bekomme nicht denjenigen von Joyce aufgedrängt. Joyce habe eine anarchische Haltung gegenüber dem Leser eingenommen, so dass der Leser seine eigene Arbeit machen könne. Er verstehe nichts von dem Buch, aber er verstehe auch den Nachthimmel mit den Sternen und dem Mond nicht. Selbst die Tatsache, dass wir zum Mond flögen, erkläre ihm das Gestirn nicht.
Abendessen auf malaysisch. Ein französischer Herr mit Kind sowie Mutter oder Schwiegermutter, der sich erst nach längerem entschliessen kann, seine Baseballkappe abzunehmen, tritt in sich hinziehende Verhandlungen mit dem Servierpersonal, da das Kind keine scharfen Speisen vertrage. Schliesslich einigt man sich auf eine ganz und gar unmalaysische Omlette. Währenddessen schaufelt das Kind Reis in sich hinein, und als dann das Omlett kommt, hat es keinen Hunger mehr.
Das ist nun schon der zweite Abend ohne Alkohol. Das Essen aber ist super. Die malaysischen Kinderkellner fragen uns eins ums andere Mal: "How is the food?" Ich überbiete mich mit Beteuerungen, noch nie so gut gegessen zu haben. Das möchte jeder der Angestellten des Etablissements hören.
"Scoop" ist mir nun doch ein wenig zu altbacken, und ich stelle die Lektüre ein. Lese dafür Ha Jin "Warten". Irene liest die Biografie des Lotta-Continua-Kämpen Massimo Carlotto.
28. Februar 2011
Irene ersteht sich bei Harvey Nichols ihre Traumtasche. Das dunkelblaue Ding sieht wie eine gewöhnliche Einkaufstasche aus, ist aber sauteuer. Um dem Kaufakt nicht mit Unverständnis beiwohnen zu müssen, laufe ich um den Block rum. Da spielen Maghrebiner das Hütchenspiel und suchen Passanten auszunehmen. Komplizen und Komplizinnen des Spielers, die so maghrebinisch aussehen wie dieser, setzen Geld und gewinnen laufend. Dass diese Kerle meinen, es gäbe in einer Weltstadt wie London noch Leute, die auf diesen Uralt-Schwindel, den man nicht mal mehr in Hinter-Unter-Marrakesch bringen könnte, hereinfallen würden, ist schon erstaunlich.
Ich laufe die Sloane-Street runter und schreibe mir zum Zeitvertreib alle Läden auf: Prada, Armani, Gucci, Jimmy Choo, Chanel, Tod's, Bottega Veneta, Dior, Valentino, Dolce Gabbana, Bulgari, Gianfranco Ferre, Hermès, Roberto Cavalli, Versace, Miu Miu, Roger Vivier, Gina, Louis Vuitton, Joseph, Anne Fontaine, Missoni, Escada, Graff, Zagliani, Fratelli Rossetti, Moncler, Ermano Scervino, Hogan, Cesare Paciotti, Jitrois, Shanghai Tang, MCM, Sergio Rosi, Salvatore Ferragamo, Freywille, fogal, Boodles Alberta Ferretti.
Wer sich noch mehr langweilt als ich, sind die Bodybuilder-Gestalten an den Eingangstüren mit ihren Knöpfen im Ohr.
Baglady: Irene trägt ihre neue Tasche einen Tag lang in einer Tasche rum. Der Preis des Accessoires ist ein Geheimnis, das sie nur mit ihrer Schwester und mir teilt. Ich musste versprechen, es niemand zu sagen.
Mittagessen im St John beim Londoner Smithfield Market. Das Restaurant war zu Zeiten ein Townhouse und eine Räucherei für Schinken und Speck gewesen. Dann wurden die Räumlichkeiten nacheinander von Squattern beansprucht, als Treibhaus für Bohnensprösslinge, als chinesischer Bierladen und für Raver-Partys genutzt. In den Sechziger Jahren befand sich im oberen Stock das Hauptquartier von "Marxism Today".
Irene hat die Direktive ausgegeben, in besseren Restaurants sei nicht das Abend-, sondern das Mittagessen einzunehmen, weil es dann erstens weniger teuer sei und zweitens weniger Etepetete-Stress gebe. Ihre Argumentation geht dahin, dass wenn der Koch einen drauf habe, dann habe er es auch mittags drauf. Das hat was. Ich esse als Vorspeise Fasaneneier mit Bitterkresse, während Irene sich an Linsen an einer Senfsauce mit Randen und einem Knollengewächs des Namens Childwickbury delektiert. Als Hauptgang Rotzunge (lemon sole) – die weniger teure Seezunge (dover sole) – in brauner Butter mit Mönchsbart.
Diese Zungenfische, sind rechtsäugige Plattfische, die in Tiefen bis zu 150 Meter auf weichen, sandigen Böden gründeln. Unser Fisch muss extrem platt gewesen sein, denn es war nicht viel an ihm dran.
Nachmittags Saatchi Gallery: British Art Now. Uns gefällt Tessa Farmers "Schwarm" in einer Glasvitrine. Aus getrockneten Insektenkadavern, Pflanzenwürzelchen und anderen organischen Bröselchen – nichts davon grösser als 1 Zentimeter – hat die Künstlerin eine ganze schwirrende Welt kriegerischer Luftgeister geschaffen – jede Winzig-Skulptur von Hand ausdrucksstark gestaltet. Im Gegensatz dazu Monumentalgemälde von Sandinisten und Astronauten, die ein Maler des Namens Jonathan Wateridge in museale Ausstellungskulissen gestellt hat. Und das fröhliche Chaos in den Gemälden eines Malers namens Dan Perfect, in welchen nichts ganz ist: Masken, Kostüme, Körperteile, explodierte und auseinandergenommene Dinge, Tiere die Menschen sind und Menschen Tiere.
Nicht nur ist der Eintritt in die Galerie frei, die Kunstwerke sind auch frei zugänglich: Keine Linien auf dem Boden, die nicht übertreten werden dürfen, keine Zäunchen, welche die Gemälde und Skulpturen vor den Zudringlichkeiten der Betrachter schützen. Das Äquivalent moderner Zoogestaltung, wo die Tiere auch nicht hinter Gittern gehalten sind.
1. März 2011
Wir schippern in einem Ausflugsboot von Embankment zu Canary Wharf, dem neuerrichteten Bürogebäudekomplex auf der Isle of Dogs, wo sich 78'000 White-Collar-Sklaven dazu hergeben, andere Sklaven auszunehmen. Ohne uns dort lange aufzuhalten laufen wir stadteinwärts. Der Spaziergang ist recht ernüchternd: Kein Leben entlang der Themse auf dieser Seite: Parks, die nur tagsüber geöffnet sind, öde Wohnhäuser und allerorten Überwachungskameras. Die Gegend macht einen verriegelten und verschlossenen Eindruck. So öde der Ausflug war, so hitzig stieben danach beim Tower Bridge die Funken zwischen Irene und mir – wohl aus nicht eingestandener Frustration.
Am Mittag im Garrison Public House ist jedoch alles vergessen: Roasted duck, carrots, baby onions und spring greens. Die räumlichen Verhältnisse sind für die Tafelnden ebenso wie für das Personal sehr beengt. Ich sehe geradewegs in eine Küche von der Grösse von zwei Vorratskammern, in welcher sechs Köche zugange sind.
Lese in einer aufliegenden Zeitung, dass sich 17 illegale Immigranten in einer Ladung Feta-Käse versteckt haben sollen.
Nachmittags, während sich Irene in einem Textil-Museum umtut, fahre ich in Doppeldeckerbussen in der Stadt rum. Es will mir jedoch nichts anderes auffallen als eine Dame mit ausladenden Hüften, roter Nase und einem Faltvelo, die mir als typische Engländerin vorkommen will und eine junge, schwarze Frau, die wirr im Bus zu allen und niemandem über Politisches spricht und sich beim Aussteigen graziös damit verabschiedet, dass sie auf ihr drittes Auge über der Nasenwurzel deutet.
Abends Showtime im Pfauen, dem Peacock Theater. Das Musical der Saison heisst "Shoes" und handelt von solchen. Ich habe schon zu Hause die teuersten Plätze gebucht: Mein Geschenk an Irene. Die Titel der Nummern-Revue reichen von "The Psychology of Purchase in the Tempel of Retail" bis zu "Sneaker-Addict". Bevor der Autor an das Verfassen der Texte ging, befragte er über hundert Personen in New York und London über ihre Beziehung zu Schuhen. Eine Frau besass 200 Paar Manolo Blahniks – für fünfzig davon hatte sie aber noch nicht das passende Outfit. Bei dieser Gelegenheit erfahre ich auch, dass das Nobelwarenhaus Selfridges über die weltgrösste Schuhabteilung von über 3'251 Quadratmetern und einer eigenen "Couture Designer Gallery" verfüge.
Vor der Vorstellung delektieren wir uns an Handcooked Sea Salt and Vinegar Potato Crisps.
Das Tanzspektakel ist grandios. Chefchoreograf Stephen Mear soll sich dazu Unterstützung von einer Reihe angesagter Tanztalente wie dem belgischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, der Streetdance-Expertin Kate Prince und dem gehörlosen Mark Smith, bekannt für seine Mischung aus Tanz und Zeichensprache, Sign-dance, geholt haben. Autor Richard Thomas soll 15 Minuten gebraucht haben, um Saddler's Wells Theater, dem grössten Tanzhaus der Welt, die Schuh-Show anzudrehen. Shoes – one of the great passions of modern age!
2. März 2011
Auf dem Riesenrad über London eine Runde gedreht. ("At 135m, the EDF Energy London Eye is the world's largest cantilevered observation wheel.") Sehr luftig. Lustig aber war der vorgängig vorgeführte 3D-London-Film vor allem wegen Irene, weil sie auch beim dritten Mal noch bei Gelegenheit von einem entgegenfliegenden Möven aufschrie. Als dann auch noch an einer Stelle des Films Wasser auf die Zuschauer runterrieselte, schrie Irene erneut auf, um dann aber erleichtert festzustellen, dass sie zum Glück die neue Tasche nicht bei sich hatte. Diese wäre nämlich ruiniert gewesen.
Dann Besuch der Tate Britain. Auf grosser Leinwand Flugpassagiere, die aus einer mit "International Arrivals" überschriebenen Glastüre in die Empfangshalle treten – von Kirchenmusik untermalt. Ich hätte mir das ewigs anschauen können.
Dann brechen alle Dämme der Kauflust: Im Watkins Esoteric Bookshop folgende Bücher gekauft: Lucy Wyatt "Approaching Chaos", Alejandro Jodorowsky "The Way of the Tarot", Dean Radin "The Noetic Universe", Geza Vermes "The Story of the Scrolls", Peter Kinsley "A Story waiting to pierce you", Rupert Isaacson "The Horse Boy", Z'ev ben Shimon Halevi "The Path of a Kabbalist".
Bei Foyles will mich eine Landpomeranze von einer Verkäuferin a tout prix nicht verstehen, als ich mich nach dem Buch "The Honey Gatherers" erkundige. Ich spreche "gatherers" mit gedehntem a, gaatherers, aus. Ich ringe die Hände und erkläre: "You know, collectors of honey...!?" Nach langem kommt sie darauf, dass ich wohl "gätherers" meine.
Meine Nerven! Das Phänomen ist bei Unterschicht-Angehörigen bekannt, dass wenn man ein Wort nicht ganz exakt so ausspricht, wie sie es gewohnt sind, dass sie es dann nicht verstehen. Als ich mich im Berner Oberland mal auf einer Radtour bei einer Bäuerin nach dem Weg erkundigte, interpretierte diese meinen Unterländer-Dialekt als Hochdeutsch und beratschlagte mich folgendermassen: "Gehen sie ja nicht dort duren, da kommen allpott Lawinen obenaben!"
Den "London Evening Standard", eine 62-Seiten-Zeitung, bekommt man gratis. Beigelegt noch 36 Seiten "Homes & Property".
Irene weist mich darauf hin, wie sauber die U-Bahn ist; auch hat es null Grafitti. Ob Banksy die Stadt gewechselt hat?
3. März 2011
Das Café in der Old Shoreditch Station in Hoxton ist mit verkehrtrum aufgehängten Pflanzen dekoriert. Nicht schlecht.
Wir laufen vom Trafalgar Square ausgehend die St Martins Lane rauf und runter, um im "St Martins Lane Hotel" zu Mittag zu essen. Das ist Irene ein Anliegen, weil ihr das Lokal von einer Freundin empfohlen worden ist. Wir werden fast stiefelisinnig, weil sich die Klitsche nicht finden lässt. Endlich finden wir das Hotel doch noch. Es ist nicht angeschrieben! Ach Gott, wie mir diese Originalität auf den Wecker geht. Aber vielleicht sind sie einfach noch nicht dazu gekommen ein Schild rauszuhängen. In der Lobby wird auf alle Fälle noch gearbeitet. Philipp Stark hat da gewirkt, dessen Theatralik ist unverkennbar.
Im Restaurant sollen Rundumbüchergestelle neuerdings eine heimelige Atmosphäre verbreiten. Wenn die aufgestellten Schmöcker aber sowas von zerfleddert und stockfleckig sind, ist der Effekt gerade ein gegenteiliger. Ich gebe allerdings zu, dass ich zu diesem Zeitpunkt von der Hin- und Herlauferei ziemlich schlechter Laune war.
Und dann die Speisekarte! Um sie zu verstehen brauchte man einen Hochschulabschluss. Die Servierin, die sicherlich einen solchen hatte, ist zwar durchaus hilfreich und wendet ihr Hilfeangebot an Irene, die des Englischen nicht allzu mächtig ist.
Ich beschliesse für mich, wieder zu Hause ein Musical des Titels "Ewigi Lämpe" zu texten.
Irene bestellt irgendwas, zu dem ich nur noch zu nicken vermag. Als erstes kommt je eine Riesenportion Chrüselisalat und ich bekreuzige mich innerlich. Dazu hat es in dem Grünfutter noch Cashew-Nuts, auf die Irene allergisch mit anaphylaktischen Schocks reagiert. Sie war deswegen schon zweimal auf einer Intensivstation. Der Salat aber ist sowas von gut, dass ich gleich noch eine zweite Ladung davon hätte verschlingen können. Und auch der karibisch-kubanisch-süsse Fisch danach ist einsame Klasse. Die Rechnung zu guter Letzt allerdings auch.
Nachmittags kaufe ich noch mehr Bücher im Watkins Büchershop, so dass sich der aus Heidelberg stammende Kassier desselbigen genötigt sieht, mit mir Freundschaft zu schliessen.
Obwohl ich gierig nach Geschichten, Informationen, Theorien und Philosophien bin, habe ich mich dazu gebracht, wenn Bücher nicht allzu langweilig sind, diese zu Ende zu lesen. Und Ha Jins Knüller von einer Liebesgeschichte lohnt die Anstrengung: Der auf dem Dorf verheiratete Armeearzt Li Kong und die Krankenschwester Manna Wu haben sich im Spital in der Stadt ineinander verliebt und müssen 18 lange Jahre aufeinander warten, weil die rigide Moral während der Kulturrevolution in China es nicht anders zulässt. Dabei weiss man doch, dass Moral und Praxis zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Aber der Intellektuelle Li fügt sich absurderweise dem absurden System. Ha Jin beschreibt die Fährnisse der 18 Jahre mit leichter Hand sehr präzise. Was die Lektüre so spannend macht, ist, dass der Autor das Geschehen auf keine Art und Weise wertet.
4. März 2011
Der Arzt und Schriftsteller Max Nordau, der ursprünglich Max Südfeld hiess, hatte sich schon 1892 gesorgt, welche Lasten moderne Konsumation und Technologie der Menschheit aufbürden würden. Vielleicht aber würden spätere Generation besser mit dem Stress umgehen können als seine Zeitgenossen, mutmasste er. "Ende des 20. Jahrhunderts wird es wahrscheinlich eine Generation geben, der es nichts ausmacht, täglich Dutzende von Quadratmetern an Zeitungen zu lesen, dauernd ans Telefon gerufen zu werden, gleichzeitig an die fünf Kontinente der Welt zu denken, und die Hälfte ihrer Zeit in einem Zugsabteil oder einer Flugmaschine zu verbringen... eine Generation, die weiss, wie man es anzustellen hat, um sich in von Millionen bewohnten Städten wohlzufühlen."
Aus der Weltmetropole London, dessen Strassen manchmal schwarz vor Menschenmassen sind, geht es heute wieder zurück in das beschauliche Zürich.
In den frühen Achtziger-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten der schwedische Ministerpräsident Olof Palme und der Diplomat Jan Eliasson ein Treffen mit Saddam Hussein in einem von dessen Bagdader Palästen. Die beiden Schweden hatten einige Tage in ihrem Hotel zuzubringen, bevor sie – spätnachts – von einer Limousine mit abgedunkelten Scheiben abgeholt und eine Stunde lang in der Stadt herumgefahren wurden, um sie die Orientierung verlieren zu lassen.
Als nächstes hatten Palme und Eliasson eine Sicherheitskontrolle zu passieren und wurden hierauf in ein mit Gold und Eiche getäferten Raum geführt, wo sie zu warten hatten. Nachdem sie lange Zeit dort alleine gelassen worden waren, wurden sie in eine weiteres Wartezimmer geführt, wo ein Stabschef sie empfing. Zehn Minuten später öffnete sich eine Türe, und die Schweden wurden in einen dritten Raum geführt und dort stand: Saddam. Mit hinter sich versammeltem Stab hielt der Diktator den Besuchern steif die Hand zum Gruss entgegen.
(Aus: "The Secret World of Doing Nothing" von Billy Ehn und Orvar Löfgren)
Pünktlichkeit ist die Höflichkeit von Königen, wenn es aber um Macht geht, ist Warten-lassen ein probates Mittel, um Leute fertig zu machen.
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