Zweieinhalb Wochen im Luzerner Hinterland
1. Juli
Um neun bin ich reisefertig: Essen eingepackt. Geburtstagsgeschenke für Irene auch. Eine Reisetasche mit ungefähr einer Tonne Bücher. Auch habe ich ausgerechnet, wieviele Unterhosen ich für drei Wochen brauche. Zum letzten Mal noch den Briefkasten geleert. Jetzt muss ich mich nur noch drei Stunden gedulden, weil Irene noch zur Coiffeuse gegangen ist.
Ich liebe Bücher mit Fussnoten. In Susanna Clarke's "Jonathan Strange & Mr Norell" hat es 186 davon. In diesen hat die Autorin eine ganze Geschichte der Magie in England erfunden. In dem Buch geht es darum, dass es der gelahrten Gesellschaft der York-Magier anfangs des 19. Jahrhunderts ein Anliegen ist, die in England seit langem ausgestorbene Magie wiederzubeleben. Die Yorker Zauberer ziehen es jedoch vor, Bücher ü b e r Magie zu lesen, anstatt solche zu praktizieren. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Die theoretischen Magier sind denn auch bass erstaunt, als ihnen von einem praktizierenden Magus, Mr. Norell, zu Ohren kommt. Dieser spreche jedoch kaum je von Magie und wenn, dann höre es sich wie eine Geschichtslektion an, was jederman zum Gähnen bringe.
Sehr vergnüglich.
Auf dem Weg ins Luzerner Hinterland schauen wir bei Getrude im Altersheim vorbei. Mit schlohweissem, frisch dauergewelltem Engelshaar liegt sie mit einem Schüsselchen in Händen auf dem Bett. Ein Wurstweggen vom Kinderfest soll ihr nicht gut bekommen sein.
Am späten Nachmittag ziehen wir in unser Häuschen auf dem Wellbrig, das wir von einem Bauern gemietet haben, ein. Der Wellenberg wellt sich zwischen Grosswangen und Willisau. Bei dem Häuschen handelt es sich um das ehemalige Knechtehaus. Im unteren Stock hauste der Melker und seine Familie und im oberen Stock der Karrer und die Seinen. Das Häuschen steht inmitten eines habligen, von Eichen und Hecken gesäumten Bauerngutes. Von da hat man eine grossartige Fernsicht. Die Vista reicht von Rigi und Pilatus bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau. Insbesondere die Entlebucher Flühberge stehen einem vor Augen. Die chüschtige Landluft, die Ruhe: Es ist wie heimkommen.
Abends Avocado-Salat mit Blattspinat. Der Spinat aus in dem Cellophan-Säcklein ist schon ganz vermantscht.
Danach "True Grit" auf DVD. Haike Steinfeld, die den resoluten Racheengel spielt – absolut auf Augenhöhe mit Stars wie Jeff Bridges, Matt Damon und Josh Brolin – ist nicht mal auf dem Umschlag-Poster abgebildet.
2. Juli
Irenes Geburztag: Sie bekommt einen brillenbewehrten Saddhu, den Reto Camenisch in Indien fotografiert hat, geschenkt. Dazu eine Kuckusuhr und zwei Bücher: "Sommer aus Stahl" von einer italienischen Newcomerin und ein Sachbuch über eine unbotmässige Escholzmatterin, "Die Frau des Dorfarztes und der Wehrmachtsoffizier".
Wir machen eine kleine Wanderung von Hergiswil nach Luthern. Bauern rasen zum Grasen. Töffahrer blochen über wenig befahrene Pässe. Zu unseren Häupten knattern in technikversessener Selbstzufriedenheit von Triengen und anderen Kleinst-Flughäfelchen aufgeflogene geflügelte Rasenmäher und Traktoren. Einige Etagen weiter oben dröhnt der internationale Jetset.
Lefzenfletschende Hofpolizisten kommen angerannt, um uns von hinten den Arsch vollzubellen. Auf der Chuzhubelegg machen wir Rast und schauen auf Luthern runter. Irenes Mutter Gertrud ist von da gebürtig. Der Friedhof dortselbst ist voll von Birrers. An steilen Hängen wird Heu gezettelt. Dabei kommt der neueste Streich auditiver Umweltverschmutzung zum Einsatz: Die Bauern zetteln mit Handbläsern! Das macht einen Saukrach, da kommt auch die frischfrommfröhliche Knallerei eines Vereinsschiessens nahebei nicht dagegen an. Bläss springt dem Handgebläse hintendrein und lässt sich gedörrtes Gras an den Kopf wirbeln. Er hält kurz inne, entscheidet sich dann aber doch dafür, keine Zeit zu haben, uns zu verbellen.
Helikopter koptern im Tiefflug wie lästiges Insektenzeugs. Was ich an diesen hasse, ist ihre vorgebliche Nützlichkeit, wo sie höchstwahrscheinlich doch nur Touristen um das Matterhorn rum und wieder nach Triengen zurück rattern.
In Luthern findet eine Beerdigung statt. Möglicherweise noch ein Birrer oder eine Birrerin, die auf dem Gottesacker vergraben wird.
Erste Priorität auf einer Wanderung besteht für Irene und mich darin, es mittags in eine Beiz zu treffen. Das ist uns einmal mehr hervorragend gelungen: Bachforelle blau in der "Sonne".
Gemäss "Blick" ist Lindsay Lohan Geburztagskind des Tages. Das hat Irene nicht verdient.
Am Nachmittag besuchen wir das Oldtimer-Treffen im Ort. Ein Kunterbunt an Traktoren, Lastwagen, Motorrädern und Personenwagen aus altvordern Zeiten. Irene will sich nicht auf einem Militärtraktor mit angeschnalltem Karabiner und Tornister fotografieren lassen und wählt stattdessen einen schnittigen Porsche-Diesel-Standard-Traktor, Jahrgang 1960. Ein Herr in Tarnanzugshose gibt uns Erklärungen zu dem bolidenmässigen Landwirtschaftsgerät ab. Ein Behindertenheim tigert durch die Ausstellung. Einem Herrn, der nur ganz kurze Tippelschrittchen macht, haben sie eine Kappe mit der Aufschrift "Funny" aufgesetzt. Der Herr am Mikrophon des Organisationstischchens liest die Sponsoren der Veranstaltung runter. Er ist immer noch nicht an das Ende der Liste gelangt, als wir schon wieder den Steilhang auf die Chuzhubelegg raufkraxeln.
Um uns von der Wanderung abzukühlen, entschliessen wir uns zu einem Bad im Sempachersee. Dazu erwählen wir uns die Badeanstalt in Eich. Auch hier flächendeckendes Geratter von Kleinflugzeugen. Als ich eine Runde schwimme, kommt ein Helikopter im Sturzflug angekoptert. Ich recke diesem verwegen den Stinkefinger entgegen. Das Fluggezeugs stürzt immer noch tiefer, und ich muss annehmen, dass das hassenswerte Geflügel es auf mich abgesehen hat. Nun hast du es zu weit getrieben, denke ich, als das infernalisch dröhnende Gefährt doch noch abdreht und im Garten des nahegelegenen Balance-Hotels "Sonne" landet. Dann koptert es wieder davon. Zu gerne hätte ich gesehen, wen dieser fliegende Traktor da abgeladen hat. Ich kann es mir aber vorstellen.
Anschliessend fährt mich Irene zu einem therapeutischen Besuch der Fliegerranch Triengen.
Abends schauen wir den Dokumentarfilm "Die grosse Stille" über ein Kartäuserkloster bei Grenoble. Der Filmemacher ist schon vor Zeiten bei der Klostergemeinschaft vorstellig geworden, um eine Dreherlaubnis einzuholen. Sechzehn Jahre später erhielt er einen Anruf des Klosters, sie seien nun für sein Projekt bereit. Der Film dauert mehr als zweieinhalb Stunden. Er ist grossartig und transportierte mich in eine kontemplative Stimmung. Irene schläft dabei leider ein. Ironischerweise hat es in dem Film zwei Flugzeug-Sequenzen.
3. Juli
Irene ist von mir zum Nachgeburztags-Mahl zum Escholzmatter Hexer, Stefan Wieser, der im Ruche steht mit Schnee, Holz und Steinen zu kochen, geladen. In dessen Gourmet-Jägerstübli hatte es nur noch Mittags einen Tisch frei. Immer wenn ich Stübli lese oder höre, muss ich an den tamilischen Restaurateur Salomon denken, der zu Brigitte mal sagte: "Weisst du, hier in Stubli, ich magge Bisto Panzen." Was? Brigitte verstand nur Bahnhof. "Bisto Panzen... Kennst du, Bisto Panzen?" Endlich dämmerte es Brigitte: Salomon meinte Bistro Pflanzen!
Bei Stefan Wieser gab es keine solchen Verständigungsprobleme. Eloquent sagte er jeden der sieben Gänge an. Irene und ich waren jedoch trotzdem überfordert. Die Technikalitäten der Wieserschen Kochkunst überstiegen unser vom Coop- und Migros-Sortiment geprägtes kulinarisches Verständnis. Brav nickten wir die Wieserschen Ansagen ab, unterbrochen von Ohs und Ahs und Ahas und einer gelegentlichen Verständnisfrage von Seiten Irenes. Der Stress wurde mir indessen bald einmal zuviel, und ich musste dem Meister mein beschränktes Verständnis eingestehen. Dieser wiegelte aber ab, er sage dies alles nur, um zu zeigen, was es halt brauche um diese exquisiten Geschmacklichkeiten auf den Tisch zu bringen. Wir sollten es einfach geniessen. Das taten wir dann nach unserem besten Vermögen. Einfach ist es aber nicht, wenn man sich dabei wie ein Depp vorkommt.
Für mich steht nun ein für alle mal fest, dass ich kein Gourmet bin. Ich brauche auf dem Teller einfach was zum Abschneiden!
Abends schauten wir dann noch den Film, den Eric Bergkraut über den 17-Punkte-Koch im Rössli gedreht hat. Tragischkomisch die Sequenzen in denen zum Ausdruck kommt, dass man einander in diesem Escholzmatt nicht den Dreck unter den Fingernägeln gönnt.
Der Sonnenwirt meinte: "Er kommt nicht zu mir. Ich gehe nicht zu ihm. So ist das." Und auf Wiesers Gault-Millau-Punkte anspielend:"Bei uns kocht man mit Strom und nicht mit Sternen!"
Bekannten, die im Rössli speisten und in der Sonne nächtigen wollten, wurde dies verwehrt, denn Rössli-Gäste möchte man nicht beherbergen.
4.Juli
Im Luzerner Hinterland, wo es tüchtig rauf und runter geht, haben Irene und ich zwei altersgerechte E-Bikes der Marke "Flyer" im Schöpfli stehen. Heute machen wir einen Ausflug durch das aargauische Emmental, das Ruedertal. Hier spielt Hermann Burgers "Schilten", das ich mir bei dieser Gelegenheit vornehme, mal zu lesen.
Nach der Abfahrt vom Wellbrig trinken wir in Grosswangen Kaffee. Dortselbst lese ich im "Blick", dass Djokovic im Wimbledonfinal Nadal geschlagen und dann ins Gras gebissen, respektive Grass vom dortigen Rasen gefressen habe. Danach sagte er, er habe sich wie ein Tier gefühlt. Das ist wohl akkurat. Viel mehr als ein solches dürfte auch ein Wimbledonsieger nicht sein. Die Kerle sollten sich Image-Berater für ihre Siegesrituale anschnallen. Gras fressen ist aber allemal besser, als sich den Daumen babymässig ins Maul zu stecken, wie es Fussballer-Väter bei geschossenen Toren tun.
Was ich an fussballerischem Torjubel so unsäglich finde: Da schiessen die Kerle ein Tor und bejubeln es, als hätten sie einen Jackpot geleert oder die Zusicherung von Unsterblichkeit erhalten und dann verlieren sie 4:1!
Im Restaurant "Pinte" in Schmiedrued essen wir einen Käse-Wurstsalat. Im Bahnhofbüffet in Flums habe ich mal einen restjugoslawischen Herrn überhört, der einen Käse-Wurstsalat ohne Käse bestellte. Er war wohl mit unserer heimischen Spezialitätenküche noch nicht allzu vertraut. Ein Veganer würde wohl einen Käse-Wurstsalat ohne alles bestellen.
Irene auf dem Bike erinnert mich an Jean Robic. Robic war der erste Tour- de-France-Sieger nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hatte das gelbe Trikot während des ganzen Rennens nie getragen. Erst 140 Kilometer vor Paris startete er seinen entscheidenden Angriff und verletzte damit das ungeschriebene Gesetz, dass bei grossen Rundfahrten auf der letzten Etappe nicht mehr attackiert wird, um sich im Gesamtklassement zu verbessern. Robic gewann die Tour und schaffte sich damit in Pierre Brambilla einen lebenslangen Feind. Erst 33 Jahre später versöhnten sich die beiden. Auf der Heimfahrt von diesem Treffen verunfallte Robic, als er in seinem Auto mit einem Lastwagen zusammenstiess. Robic war sofort tot.
Natürlich erinnert mich Irene nicht wegen all dem an den Rennfahrer, sondern weil Robic ebenso klein war wie meine Liebste und auf einem Foto eine ähnliche Sonnenbrille trägt wie sie.
5. Juli
Irene braucht manchmal Zeit, bis sie ganz zum Glanz eines Tages aufgewacht ist. Bis es soweit ist, ist ihr dann dieses und jenes nicht recht und hätte man dieses und jenes machen oder nicht machen sollen, und vor allem hätte man mir ein Auto mit automatischem Getriebe kaufen sollen, weil ich ständig in zu hohen Gängen um die Kurven fahre und es dem Beifahrer dabei schlecht werde.
Wir fahren nach Flühli, um auf den Spuren der Entlebucher Glaser auf die Haglere zu trekken, die mit 1949 Metern über Meer exakt so hoch wie mein Geburtsjahr... ja was?... ist.
Wir steigen vom Chessiloch zum Holzhack auf.
Nachdem die Glaser im 18. Jahrhundert den Schwarzwald abgeholzt hatten, fielen sie ins Entlebuch ein. In abgelegenen Talschaften bei Flühli gingen sie ihrem Gewerbe nach. Der Holzbedarf einer Glashütte war enorm. Er betrug cirka 7½ Klafter pro Tag. Ein Klafter sind sechs Kubikmeter. Das machte die Entlebucher natürlich alles andere als frisch. Auch beschädigte oder zerstörte die Flösserei die Wildbachverbauungen. Schliesslich zogen die Glaser dann weiter nach Hergiswil.
Kleinflugzeuge tragen die Frohbotschaft der Mobilitätstechnologie mit Geknatter und Geratter in jede noch so abgelegene Talschaft. Man kann auch verwegen so hoch himmelwärts steigen wie man will, das infernalische Fluggezeugs ist immer schon da.
Zu einer zünftigen Bergtour gehört auch eine Darbietung des Maurerschen Clowngeschwaders. Wir haben Glück: In den Nachmittagstunden dürfen wir dabei sein, wie sich unsere Armee die Oberhoheit im Luftraum sichert. Dafür kraxelt man doch stundenlang bergan, um schliesslich mit Dezibelwerten eingedeckt zu werden, die jedes Picknick auf dem Parkplatz einer Autbahnraststätte haushoch in den Schatten stellen. Sie fliegen hin und fliegen her. Und wer dabei die Triebwerke am lautesten aufheulen lassen kann, hat wohl gewonnen.
Das letzte Wegstück zum Teufimattsattel führt über eine vergandete Alp mit hohen Pflanzen und wunderbarer Blütenwelt.
Auf der Haglere fehlt die Entwertungszange für den Sörenberger Wanderpass. Der Name "Haglere" leitet sich von den häufigen Hagelzügen ab, die dieses Gebiet in Mitleidenschaft ziehen.
Der Abstieg durch das Naturschutzgebiet ist grossartig. Stimmungsvolle Hochmoore, Bergföhrenwälder, Zwergsträucher und kleine Bäche prägen die nicht-bewirtschaftete Urlandschaft.
Nie schmeckt ein kühles Bier besser als nach einer schweisstreibenden Bergtour. Wir verköstigen uns im Adler in Schüpfheim.
Auf der NZZ-Frontpage: Die Luftfahrt wächst im Vergleich zum übrigen Wirtschaftsgeschehen überproportional stark an. Doch nur die wenigsten Gesellschaften verdienen Geld. Immerhin!
6. Juli
Jean Robic war exakt wie Irene 1 Meter 61 gross!
Er wog lediglich 60 Kilogramm. Um bei Abfahrten über mehr Schub zu verfügen, liess er sich auf Pässen mit Blei gefüllte Trinkflaschen reichen. Nach dem er sich 1944 einen Schädelbruch zugezogen hatte, trug er fürderhin einen Lederhelm, der zu seinem Markenzeichen wurde.
Robic, der Bretone, soll eine Visage wie ein gefleckter saurer Apfel gehabt haben. Dazu grosse Ohren und einen muskulös-nervösen Körper. Der Tête de cuir soll stolz und sturköpfig gewesen sein und alle diejenigen gehasst haben, welche die Natur mit besser proportionierter Schönheit bedacht hat. Insbesondere der in Ille-et-Vilaine geborenen Louison Bobet, den er als Fake-Bretonen beschimpfte, war ihm ein Dorn im Auge.
Dem Lokalblatt lassen sich folgende Unglücksfälle entnehmen:
Ebersecken: Betrunkener 16-jähriger baut Selbstunfall.
Sempach: Betrunkener 17-jähriger fährt Vaters Auto zu Schrott.
Neuenkirch: Betrunkener Motorradfahrer fährt in Linkskurve geradeaus.
Wir fahren in staubtrockener Nüchternheit nach Basel zur Serra/Brancusi-Ausstellung in der Fondation Beyeler.
Die Beyelers züchteten ursprünglich Beieli – Bienen.
Der grosse Brancusi ist – nicht nur aber auch – was man einen Künstler-Künstler nennt, nämlich eine reiche Quelle der Inspiration für bildnerisch Schaffende. Auch Serra war fasziniert, wie der Rumäne seine skulpturalen Volumen ausgestaltete und mit kühn reduzierter Linienführung räumliche Dimensionen erfasste. "Ich schaute auf sein Werk wie in ein Handbuch künstlerischer Möglichkeiten", soll der amerikanische Rostplatten-Architekt kürzlich zu Protokoll gegeben haben.
Die Ausstellung, in der 40 Skulpturen Brancusis 10 Plastiken Serras gegenüberstehen ist ein Ereignis. Wir sind begeistert.
In der Schau – to see is to think (Serra) – wurde auch ein Film gezeigt, wie 2005 in Bilbao das Serrasche Opus Magnum "The Matter of Time" installiert wurde – ein Unternehmen von sich häufenden Unmöglichkeiten. Serra gibt im Film seine Kommentare dazu ab. Dabei lächelte der Meister nicht ein einziges Mal. An einer Stelle des Films zeigt der Meister nach oben, wo sich Gehryscher Architektur-Schwurbel windet. "Ich wollte diesen Mist runterholen", bemerkt der Stahl-Skulpteur dazu. Müssen denn die Leute, die ich bewundere, alles Arschlöcher sein, dachte ich insgeheim. Das ist nicht so despektierlich gemeint, wie es vielleicht tönt. Die Verschiebung und Installation von Mega-Tonnagen von Stahl braucht absolute Konzentration und mag wohl die kleinste Distraktion wie ein Lächeln nicht leiden. Arthur Schopenhauer, der kryptobuddhistische Philosoph vor aller Kenntnis buddhistischer Quellen im Westen, und Arno Schmidt, der ausufernde Zettelkästen zu literarischen Grosswerken, verarbeitete, sind weitere Beispiele, die mir spontan in den Sinn kommen.
Es ist wohl so, dass von Künstlern, die sich bedingungslos in ihre Werke abgeben, nicht mehr viel übrig bleibt, das der Erwähnung wert wäre.
Was hat Suzuki gesagt? "Das Wichtigste ist, herauszufinden, was wichtig ist."
Im Garten des Museums laufen wir etwa dreimal um die "Weissen Kurven" von Ellsworth Kelly herum. Bei jedem Schritt der Umrundung zeigt sich eine andere Vista der Faltskulptur mit dem Knick. Grossartige, multiperspektivische, ja filmische Bewegtheit eines stabilen Gebildes!
Zurück im Stadtzentrum wollen Irene und ich aus Reverenz an Serra dessen Skulptur "Intersection" auf dem Theaterplatz einen Besuch abstatten. Schon von weitem wittert Irene, die olfaktorisch Empfindsame, Uringeruch. "Gehab' dich nicht so", ziehe ich sie weiter. Tatsächlich ist dann ein schwarzhäutiger Mensch dabei, im Schutze der konvex-konkaven Stahlplatten an dieselben Wasser zu lassen. In bildungsbürgerlicher Empörung will ich den Barbaren auf sein Sakrileg hinweisen, lasse es dann aber bei näherem Bedenknis doch sein. So wie man das meiste, wenn nicht alles liesse, wenn man es bedenken würde.
Irene hat noch Energie, die Kunstbuch-Handlung "Stampa" aufzusuchen. Ich kann nicht mehr und setze mich auf die Schwelle beim Tor-Eingang. Schaue einer Spinne zu, wie sie auf sechs Riesenbeinen, einem Mond-Vehikel gleich, gravitätisch und mit etlichen Zwischenhalten über die Pflastersteine stöckelt, als zwei Damen aus der mit "Eye love you" angeschriebenen Türe (zu einem Brillenladen nehme ich an) eine Abfalltonne schieben und über den Hof karren. Soll ich eingreifen und eine mögliche Zermalmung der Spinne verhindern? Auch das lasse ich sein. Ich bin schliesslich nicht der liebe Gott.
In einer Zeitung lese ich, dass der 74-jährige Berlusconi sechs Mal pro Woche Sex hat, was von seinem Leibarzt offiziell bestätigt wird. Der Kerl ist eine Spritzpistole! Die Virilität des Potentaten als Garant für die (nichtexistente) Prosperität des Landes. Dunkle Zeitalter magischen Denkens lassen grüssen.
7. Juli
Die Skulptur vom Sockel holen: Das hat laut Serra schon mit Rodin Ende des letzten Jahrhunderts begonnen, dessen Basler Ausführung der "Bürger von Calais" auf Bodenhöhe gesetzt ist. Russische Avantgardisten wie Tatlin, Rodtschenko und El Lissitzky hätten ihre Konstruktionen gar in den städtischen Raum integriert. Diese Errungenschaften seien dann abgebrochen und erst in den 60er Jahren von Leuten wie Eva Hesse, Bruce Nauman und vielen anderen wieder aufgenommen worden.
Serra: "Wenn jemand in meine Skulpturen eintritt, wird er durch das, was er erfährt, selbst zum eigentlichen Motiv des Werkes."
Im Luzerner Hinterland ebenso wie im Entlebuch ist es Brauch, runde oder einschneidende Geburtstage mittels Figurentafeln im Garten oder an Haus- und Scheunenwänden angebracht einer breiteren Öffentlichkeit mitzuteilen. Solche Anzeige-Tafeln sind käuflich erwerbbar oder man kann sie selber basteln. Für Neugeborene werden eine Art Maibäume auf haushohen Pfosten aufgerichtet. Für Killian in Ettiswil gleich deren vier.
In der Zeitung zeigt ein Schweizer Diplom-Parapsychologe an, dass er seit 25 Jahren erfolgreich Partner durch Fernbehandlung rückführe und dies, ohne dass der Abgängige dies bemerke.
Vor unseren Stubenfenstern rupfen Kühe Gras. Kleinflugzeuge knattern. Eine Katze des Bauern – schwarz-weiss gescheckt – schleicht scheu ums Haus. Wir nennen sie Schmidtchen Schleicher. Plötzlich rennt eine Kuh wie eine gesengte Sau die Weide runter.
Mister Norell, praktizierender Magus, macht sich daran, die napoleonischen Kriege mit allerlei Tricks und Chimären zu manipulieren.
8. Juli
Wir latschen von Ettiswil, dem Wasserschloss Wyher über die Vordere Brästenegg, Alberswil, die Burgruine Kastelen und Buttenberg nach Schötz und von dort der Wigger und der Rot entlang wieder nach Ettiswil.
Ein aufgebrachter Bauer wirft mit einem Stock nach seinen Kühen. Katzen passen auf Feldern Mäusen ab. Eine Frau erntet in ihrem Garten Himbeeren. Und das im Juli!
Im Willisauer Hardrock-Sportcafé zu Füssen unseres Wellbrig genehmigen wir uns ein kühles Bier. Eine Blondine mit Vorbiss, der ihre Oberlippe unvorteilhaft runterzieht, diskutiert mit einem nägelkauenden Jungmann angeregt. Eine tätowierte Tamilin mit bauchfreiem Schottengilet hat es darauf abgesehen, einen hiesigen Cowboy abzufüllen. Das Gilet gewährt tiefe Einblicke und lässt einem – und ganz besonders den Chnüttlern vom Strassenbau – keine ruhige Minute. "Dä cha nid emoll ä Schlagbohrer in d'Töpe näh", moniert einer der Arbeiter zu einem andern. Ein Herr mit einer Brille wie Cola-Böden, goldenem Ohrring und gescheltem Bürstenschnitt ist für die Bratwürste zuständig und ist mit äusserster Zuvorkommenheit dafür besorgt, dass ich den "Willisauer Boten" zu lesen bekomme.
Somit werde ich in Kenntnis davon gesetzt, dass in Ufhusen bereits zum sechsten Mal von frech vorgehenden Kriminellen Motorsägen gestohlen wurden. Im weiteren, dass der Willisauer Urs Fankhauser im basellandschaftlichen Wintersingen mit der Errichtung eines 90 Meter langen Elektrofestzaunes Schweizer Meister im Zaunbau wurde und sich damit für die 12. Weltmeisterschaft in dieser Disziplin qualifizierte.
9.Juli
Der Südsudan als jüngster afrikanischer Staat ist unabhängig geworden! Seit 25 Jahren hat sich das christlich-animistische 8-Millionen-Volk auf einem Gebiet, das 15 mal so gross ist wie die Schweiz, mit dem islamisch-arabischen Norden im Kriegszustand befunden. Dabei sind 1,5 Millionen Menschen umgekommen und 4 Millionen in die Flucht getrieben worden.
Präsident des Landes ist Salva Kiir Mayardit, ein 60-jähriger Hüne mit schwarzem Vollbart – möglicherweise gefärbt, denn die Virilität von Landesherren garantiert bekanntlich die Prosperität der Nation. Mayardit tritt in Anzug mit Cowboyhut auf. Den Stetson hat er von George W. Bush geschenkt bekommen. Das Vorzimmer in seiner Residenz soll von einer in Gold gerahmten Pistole und einer Uhr, die drei Stunden nachgehe, dominiert werden. Sonntags predige der Landesvater im Dom von Juba.
Ich bin dem Land seit jungen Jahren verbunden, als ich mit meiner damaligen Partnerin Susanne von Karthum nach Juba reiste. Die Fahrt dauerte etwa sechs Tage, da der Zug jeweils nächtens aus Angst vor Guerilla-Übergriffen anhielt.
Während Susanne ein Techtelmechtel mit einem baumlangen Dinka in der südsudanesischen Kapitale ausfocht, kasteite ich mich mit einer mehrtägigen Fahrt auf einem Lastwagen holterdipolter durch baumbestandene Steppe nach Kenya. Da musste man wie ein Häftlimacher aufpassen, um nicht von einem Ast enthauptet zu werden. Susanne kam dann bequemerweise nachgeflogen.
Im aargauischen Spreitenbach soll ein tunesischer Asylbewerber versucht haben, ein Polizei-Auto zu knacken, was schon an sich ein recht verwegenes Ansinnen darstellt. Dabei soll der Verwegene aber zusätzlich noch übersehen haben, dass ein Gesetzeshüter am Steuer sass. Dieser war zur Überwachung abgestellt, weil es in letzter Zeit vermehrt zu Autodiebstählen gekommen sei.
Der Geschichten, die von menschlichen Unzulänglichkeiten handeln, sind viele. So soll sich mal einer in räuberischer Absicht einem Kiosk genähert haben. Weil aber noch Kundschaft bei der Bude gestanden sei, habe dieser einen Lottoschein ausgefüllt und ihn gewissenhaft mit Name und Adresse versehen. Dann habe er den Kiosk ausgenommen und sei daraufhin prompt von der Polizei in seinem Domizil abgeholt worden.
Die tragischkomischste Geschichte aber ist diejenige von Ausflüglern, die mit einer Yacht weit aufs Meer hinausfuhren und dann allesamt für ein Bad ins Wasser sprangen. Als sie wieder in das Boot steigen wollten, mussten sie feststellen, dass sie vergessen hatten, die Strickleiter über Bord zu legen und ohne eine solche nicht an der Bordwand hochkamen. Die Badenden sollen elendiglich ertrunken sein.
Aber auch Tiere, die sich in aller Regel ihren Instinkt bewahrt haben, sind vor Missgriffen nicht gefeit. So habe ich mal irgendwo von einem Wal gelesen, der sich in einen Fischkutter verliebt haben soll.
Wollte mit Irene den Ankauf eines Wohnwagens diskutieren. "Ausgerechnet!" rief diese aus. Wohnwagen müssten auf Campingplätzen abgestellt werden. Wie ich mir das denn vorstelle, ich, der sich doch wegen jedem Muggenfurz aufrege...?
Wir fahren nach Aarau in das dortige Kunsthaus, wo Werke der Genferin Mai-Thu Perret ausgestellt sind. Deren Video "In Darkness let me dwell" gefällt mir sehr. Mehr vermag ich im Nachhinein beim besten Willen nicht dazu zu sagen.
Ich erinnere mich noch an den Aufseher, der aussah wie der Schauspieler Hans Schenker, jedoch Ausländer war, und dass Irene an dem Kunsthaus-Restaurant bemängelte, dass es keine Suppe gebe.
In mein Notizbüchlein habe ich auch noch "Mongolischer Wildesel" notiert. Kann mich aber überhaupt nicht mehr erinnern, was ich damit gemeint haben könnte.
Notiert habe ich mir im weiteren die Titel von drei Fischli/Weiss-Szenen aus ungebranntem Lehm: "Der Erfinder des Kaugummis bei einem Selbstversuch in Jacksonville", "Charlie Parker nachdem er Loverman gespielt hat und nackt in der Hotelhalle seine Kleider verbrennt, worauf ihn die andern nach Camarillo einliefern" sowie "Bauplatz der Pyramiden".
Auf dem Boulevard der Bar "Poem" in Willisau trinke ich einen Whisky sour und Irene einen Caipirinha. Eine Frau am Tischchen neben uns seufzt ungefähr zu dreien Malen: "Äs isch wies isch!" Das erinnert mich daran, dass der verstorbene Filmkritiker Martin Schaub bei einer Gelegenheit die Haltung des "Äs-isch-wies-isch" als reaktionär brandmarkte. Dazu möchte ich viele Jahre im Nachhinein sagen: "Natürlich könnte es anders sein. Die Frage ist nur, wie es anstellen?"
Immer mal wieder, wenn sich in meinem psychischen Funktionieren emotionale Störungen einstellen, bemerkt Irene: "Du kannst nicht anders, oder?" Wozu ich ganz klar sagen muss: "Nein, oder dann mit ganz, gaaanz grosser Anstrengung!"
Voller exotischer im Städtchen getankter Drinks tuckern wir den Wellbrig hoch. Ein Sturm braut sich zusammen. Wo lässt dies die angesagte Beach Party auf der Gunterswiler Kuhweide?
In einer Fussnote zum Präsidenten des Imperial Galactic Government in Douglas Adams "Hitchhikers Guide to the Galaxy" heisst es: "The president's job is not to wield power but to draw attention away from it."
Eine der intelligenteren Fussnoten, die ich je gelesen habe!
Der Dachkennel unseres Hauses ist mit Laub verstopft. Regenwasser fliesst über, was zur Folge hat, dass sich Frösche auf dem Boden am Ende der Stiege zum Keller tummeln und Irene deswegen nie und nimmer mehr dazu zu bewegen ist, in den Keller runter zu gehen.
10. Juli
Nach Luzern zur Filmmatinée: Edwin Beelers "Arme Seelen".
Rasiere im Parkhaus eine Betonsäule. Betonsäulen in Parkhäusern sind meine erklärten Feinde. In den vergangenen anderthalb Jahren haben sich mir nicht weniger als drei solche heimtückisch in den Weg gestellt.
Im Café will Irene dem Kellner, einem restjugoslawischen Obersympathen, aus irgendeinem mir jetzt gerade nicht mehr erinnerlichen Grund an die Gurgel. Ich kann sie im letzten Moment noch zurückhalten.
Im Kino isst eine Frau hinter mir einen Apfel. Das ist – so leid es mir tut – noch schlimmer, als Popcorn mampfen.
Edwins Film entschädigt für alle Unannehmlichkeiten. Mit grossartiger Kamera spürt er Volks-Spiritualität und Geisterglauben in der Innerschweiz nach. Meine Lieblingsszene: Alt Sektionschef Sepp Stadelmann, Escholzmatt – "vom Nachesäge lersch lüge" – steht als St. Hubertus-Jünger gewandet mit der Flinte unter dem Arm auf einer Anhöhe und murmelt: "Das isch ä Jegerete: Me gseht nüt, me ghört nüt – am beschte isch, me zünt ä Schtumpe a!" Super-Rap!
Danach fahren wir ans Volkskulturfest in Giswil: Ein Zusammenspiel vietnamesisch-toggenburg-obwaldnerischer Volksmusik.
Wir verköstigen uns mit Frühlingsrollen und Toggenburger Schübligen zu den Klängen des Klong Put Ensembles. Darauf reihen die Tschifi-Maitle Chehrli an Chehrli. Gofen seckeln durch die Bankreihen, als gelte es dem Gottseibeiuns zu entkommen. Ein Behindertenheim ist auf der Suche nach Sitzplätzen. Ein Platzregen platzt auf das Zeltdach. Es blitzt und donnert. Die Tschifi-Maitle strahlen mit konzertanter Fröhlichkeit, als sei überhaupt rein gar nichts. Roger Köppel mit dem Übersichtsblick des Vaterlands-Analysten dirigiert seine vietnamesische Gattin durch die Leute.
Wir verlassen die Veranstaltung vorzeitig. Wir können einfach nicht mehr. Sind kulturell überreizt.
Lese in der Zeitung, der Südsudan sei der 197. Staat der Welt. In Juba würde gerade erst eine Strassenbeleuchtung installiert, und für die Unabhängigkeitsfeiern sei man daran, die Strassen zu schrubben.
11. Juli
Strahlender Sonnentag. Trotzdem schlecht aufgelegt. Haben wir uns mit Ausflügen zuviel zugemutet?
Flieger knattern, rattern, dröhnen.
Der Lärm, den erdgebundene Motorfahrzeuge – sieht man mal von landwirtschaftlichen Vehikeln ab – verursachen, ist mehr oder weniger berechenbar, da sich diese auf limitierten Bahnen, sogenannten Strassen, zu bewegen haben. Fluggezeugs aber rattert unbeschränkt kreuz und quer – flächendeckend – wo immer sie auch wollen. Diese Off-Roader weichen in die Lüfte aus, weil da noch Anarchie herrscht und es keine Stop-Signale gibt.
Zum Küchenfenster raus sehe ich wie Roberts zwei Rosse unablässig den Kopf schütteln, um die Fliegen zu verscheuchen. Die armen Viecher! Sie stampfen auf, verwerfen die Beine. Auch der Schweif steht ganz im Kampf gegen die Fliegenplage.
Die Kühe werden nicht auf die Weide gelassen. Es ist zu heiss. Sie vermögen sich der Fliegen nicht mehr zu erwehren. Im Stall hat es Ventilatoren.
In der "Landi" kaufen wir Fliegen-Kleberollen. Es wundert mich, dass diese aus ethischen Gründen noch nicht verboten sind. Für den Kiesweg Unkrautvertilger. Von Hand werde ich dem Spriessen nicht mehr Herr.
In "Zimmer 202", einem Film der Peter Bichsels Reise nach Paris, respektive zum Gare de l'Est, dokumentiert, sagt der Schriftsteller, er könne ohne Geräuschkulisse nicht leben. Er brauche menschliche Geräusche – er wolle ja nicht sterben. Er müsse einen Rhythmus hören. Lieber Presslufthämmer als Stille.
Er sagt auch, Liebe sei etwas Asoziales. Wenn zwei Verliebte sich in einer Tischrunde befänden, könne man die Tafel aufheben. Die ausschliessliche Bezogenheit zweier sich Liebender sei kaum auszuhalten.
Liebe und Verliebtheit ist aber nicht das gleiche. Bichsel meinte die Verliebtheit. Dabei handelt es sich um eine emotionale Störung in der Form einer idealen Projektion auf ein Gegenüber. Liebe ist etwas anderes. Sie liebt den andern, so wie er ist und hat die Tendenz zur Universalität, nämlich die ganze Welt zu lieben.
Bichsel sagte auch, er sehe gerne immer wieder das Gleiche.
Ganze zwei Tage soll es gedauert haben, bis unser Schweizer Grossmeister der kleinen Prosa sein Hotelzimmer verliess und einmal den Bahnhof umrundete. Ich war geneigt, das seinem reichen Innenleben zuzuschreiben. Eine Freundin von mir wollte aber wissen, dass er unter einer Verdauungskomplikation gelitten habe.
12. Juli
Heute wäre mein Vater 98 geworden.
Des Morgens auf nüchternen Magen mit einer Seilbahngondel voller St.Galler zu Berge zu fahren, hat seine Härten.
Im Gipfelrestaurant des Brienzer Rothorns nehmen wir das Frühstück ein.
Der Rauch der Spanplattenfabrik in Menznau, der uns jeweils signalisiert, wo wir mehr oder weniger zu Hause sind, ist auch von hier oben zu sehen.
Den grandiosen Blick auf den Brienzersee runter kommentiert ein Herr: "Heilantsack, isch das ä schöne See!"
Wir laufen über Arnihaagen nach Schönbüehl. Beim Abstieg vom Rothorn wird mir einmal mehr deutlich, dass ich mich in meiner dritten Lebensphase, derjenigen der drei, respektive vier Beine, befinden. Ohne Stöcke schlottern mir bergab die Knie einfach zu sehr, von den Schmerzen gar nicht zu reden.
Die Route ist stark begangen. Bei nächster Gelegenheit hänge ich mir eine "Grüezi"-Tafel um den Hals.
Weiter geht es bergab zur Jänzimatt und zum Glaubenbielenpass. Dort verpassen wir das Postauto, das uns zur Seilbahnstation in Sörenberg bringen sollte, wo wir das Auto parkiert haben, um ein weniges. Wir sprechen einen älteren Herrn an, der gewillt ist, uns mitzunehmen. Der Senior fährt wie ein Räuber, so dass ich bei einer Gelegenheit aufschreie. Dabei beklagt er sich über die Alten, die nicht wüssten, wie man in einen Kreisel reinfährt.
Angekommen, refüsiert er ein Stück Alpkäse, das wir für ihn auf dem Glaubenbielenpass gekauft haben. Den Salami, den wir eigentlich für uns erstanden haben, nimmt er jedoch.
13. Juli
Die USA haben 14,3 Billionen Dollar Schulden. Das sind 14'300 Milliarden. Auch Italien wankt. Wann kommt es zum Kollaps?
Heute bleiben wir zur Abwechslung mal zu Hause.
Abends: "Congo River" von Thierry Michel. Valable filmische Ergänzung zu dem grossartigen Buch "Blood River" vom Tim Butcher, das von den unmenschlichen Zuständen in der von Bürgerkriegen geschüttelten Demokratischen Republik Kongo berichtet. Es muss die Hölle sein. Und unsereins fühlt sich schon vom Schicksal geprügelt, wenn die Fussball-Nati auf den Sack bekommt.
14. Juli
Wir sind soweit ausgeruht, dass wir uns wieder auf die Piste wagen. In Langnau starten wir zu unserer Radtour an den Neuenburgersee.
Im "Moospintli" zu Röthenbach steigen wir zum Mittagsmahle ab. Irene bestellt Rahmschnitzel, ich den Schnitzelplousch.
Gut Ding will Weile haben, besagt das Sprichwort. Zeit hätten wir schon, aber keine Geduld. Moospintli-Gäste haben noch nie von Ruccola gehört. Wie schön, dass es noch Leute gibt, die man überraschen kann. Endlich kommt das Geschnitzel. Etwa die Hälfte davon lassen wir stehen. Wir sind schliesslich Radfahrer und keine Ackerknechte.
Durchs Eriz. Im Horrenbach könnten wir bei Türel vorbeischauen, wäre der Nachmittag nicht schon so fortgeschritten. Es geht das Loch runter, als laufe es darauf hinaus, bei den Antipoden rauszukommen. Wenn es runtergeht, steht zu befürchten, dass man dies alles wieder raufkrampfen muss. Das ist ein ehernes Gesetz bei Radsport-Unternehmen. Tatsächlich sind die folgenden Aufstiege selbst mit elektronischer Unterstützung schweisstreibend. Nach Heiligenschwendi rauf rastet meine Gefährtin mal aus. Immerhin enthält sie sich, mir – dem Routenchef – Frauenmörder nachzurufen, wie sie das auch schon getan hat.
Weil die je zwei Akkus, über die wir verfügen, runterpedalt sind, können wir in Sanatoriums-City nicht mehr der Herzroute folgen, und stechen in der Diritissima nach Thun runter.
Dortselbst treffen wir auf Polos Ehegespons Alice. Bei einem Glas bekennt sie sich zur Laienschauspielerei. Für wen spielen eigentlich Laienschauspieler, wenn schon unsereins für nichts als Verwandte und Bekannte spielt. Ab und an ist auch einer unter den Zuschauern, den man noch nicht kennt, aber den lernt man dann bei dieser Gelegenheit auch gerade noch kennen. Überhaupt Laienschauspieler... Warum meinen Unbedarfte gerade bei meinem Metier, sie könnten das auch. Es gibt ja auch keine Laien-Sanitär-Installateure oder Laien-Chirurgen. Kaum habe ich das gesagt, kommt mir in den Sinn, dass bei L.s Meniskus-Operation dem Chirurgen ein Baggerführer assistiert haben soll. Dieser war ein Freund des Operateurs, und weil letzterer mal einen Bagger steuern durfte, durfte der Baggerführer im Gegenzug mal bei einer Operation dabei sein. Feinmotorik meets Grobmotorik. L.s Knie hat es überlebt.
Anschliessend besichtigen wir noch Alices Sargatelier.
15. Juli
Die Industrie Zürich – Irenes rot-weiss-blaues Dress – pflügt sich durch die Berner Landwirtschaft. Es geht unerbittlich rauf und runter. Die Herzroute von Zug oder Luzern nach Willisau, Burgdorf, Langnau, Thun und Laupen vermeidet ausgeklügelt Autostrassen. Es ist, als würde man fünf Tage lang durch einen Park pedalen. Grossartig, ein Bijou!
In Laupen ist die Route zu Ende. Wir trampen aber noch bis an den Murtensee. Der Anstrengungen wegen sehen wir uns moralisch gerechtfertigt, in einem Fünfsterner abzusteigen.
Im Park des "Vieux Manoir" kann man auch in einem Baumhaus nächtigen. Die aktuellen Bewohner kommen eben die Treppe runter. Der Herr wieselt nach rechts, die Frau nach links, um alles, was ihnen vor die Linse kommt, auf Zelluloid zu bannen. Dann verschwinden sie wieder im Baumhaus.
In unserem Zimmer hat es eine Waage. 79,1 Kilogramm. Bingo! Mein Saisonziel nur noch 100 Gramm entfernt.
Beim Apéro im Garten verwirrt eine ältere Dame mit einem jungen Japaner, die sich an einer Flasche Champagner gütlich tun, Irene. Ist sie nun seine Mutter, oder hat sie ihn gemietet? Das gebe es heutzutage auch, weiss Irene.
Das ist aber das kleinste Problem, das wir haben. Falls wir nämlich hier essen wollen, müssen noch meine Hosen geflickt werden. Ich habe welche mitgenommen, die aus irgendeinem Plastikmaterial sind, weil die am wenigsten knittern, dabei aber vergessen, dass die Seitennaht gerissen ist.
Irene liest Alice Munro und ich eine Biografie über Eliphas Lévi. "Strange & Norell" viel zu dick, um auf eine Radtour mitgenommen zu werden. Ich mache auf 50 Meter Entfernung aus, dass eine in einem Liegestuhl lesende Dame, "Zwei an einem Tage" in Arbeit hat.
Angesichts des Mont Vuilly erinnere ich mich an eine Radtour mit Freund E., der in schweigender Kontemplation des Abendrotes plötzlich aufseufzte: "Weisst du, wie schön das jetzt wäre mit 'nem Schnäggli!?"
Irene kommen Kindheitserinnerungen hoch. Ihre Gotte, Lili L. war in Murten ansässig. Sie war die Tochter eines Zofinger Polizisten, hatte Kinderlähmung, fuhr in einem von der IV finanzierten umgebauten DAF senfgelber Farbe rum und war von Profession Hutmacherin. Sie wohnte bei ihrer Mutter, die einen dicken Hals hatte. Einmal waren Irenchen und ihre Schwester Susi bei Lili in den Ferien. Mit Tee von zu Hause hätten sie jeweils in die Badi gehen müssen. Geld für ein Glacé hätten sie keines gehabt. Mutter und Tochter L. aber hätten sich von Cremeschnitten und Schwarztee mit Assugrin ernährt. Irene hatte Warzen, welche die Frauen mit Silberpapier umwickelten. Dann hätten sie das Kind mit der Instruktion nach draussen geschickt, wenn das Silberpapier abfalle, dürfe es nicht nach hinten schauen und müsse sofort heimkommen.
Mit den zwei alten Tanten hätten sie sich sehr geschämt und seien sich ganz verloren vorgekommen. Nächtens habe sie, Irene, aus Heimweh geweint und deswegen auch ins Bett gebrünzelt. Da habe die ältere Schwester Susi ein Machtwort gesprochen: "So chumm, mier gönd wieder hei!" Dann seien sie zum Bahnhof gegangen, um sich zu erkundigen, wieviel ein Billet wohl kosten würde. Susi aber habe noch einen Lippenstift beim "Loeb" kaufen wollen. Schliesslich habe Schwester Trudi sie geholt.
Irene recherchiert, dass eine Nacht im Baumhaus 1'100 Franken koste. Ihr Kommentar dazu:"Da tuet eim jo z'Ligge weh!"
Wir ergattern noch einen Tisch im Restaurant des Hotels. Fühle mich in T-Shirt mit Segelschiffchen und Plastikhosen – wenn auch geflickt – nicht allzu behaglich. Die Dame mit dem Japaner trinkt schon wieder oder immer noch Champagner. Irene meldet, sie würden schweizerdeutsch sprechen.
Abends Film über die Muotathaler Wätterschmöcker im TV. Wir sind begeistert: Urige, unverbogene Typen und herrliche Landschaftsaufnahmen. Dass es noch Leute gibt, die so eigene Seitental-Idiome sprechen, dass sie im eigenen Land untertitelt werden müssen! Die Wätterschmöcker sind alles andere als Katastrophisten: Unregelmässigkeiten im Klima habe es schon immer gegeben.
Was für einen Muotathaler Ferien bedeutet: Munggen schiessen gehen.
16. Juli
Ein morgendlicher Schwimmer pflügt auf dem Rücken durchs Wasser. Ein Rabe wackelt über den Rasen. Ein Schwan gleitet vorbei. Die Sonne saugt den Tau vom Gras.
Schon wieder erscheint ein Latin Lover mit einer angejahrten Tante, die nicht ganz zu ihm zu passen scheint, zum Frühstück. Irene verfällt in erneutes Werweissen.
Irene genehmigt sich vier Gänge zum Frühstück – ohne Stuhlgang!
Wir pedalen über den Mont Vuilly nach Neuenburg.
Ein Unwetter kündigt sich an. Irene erzählt, wie sie jeweils die Nötli des Vaters hätten trocknen müssen, wenn er mit dem Segelboot gekentert sei, das heisst, wenn er nicht überhaupt das Portemonnaie verloren habe, dann habe es für den Rest des Monats nur noch Härdöpfel gegeben.
Irenes Lieblingsbrasserie schliesst nach dem Mittagsservice ferienhalber. Also essen wir dort zu Mittag. Danach ist Feierabend. Uns kommt nichts mehr in den Sinn.
Abends Match im TV: YB-Basel 1:1. Irene schläft dabei ein.
17. Juli
Mit dem Zug nach Hause. Im strömenden Regen stapfen wir den Wellbrig hoch.